Freitag, 22. Februar 2019

Euro-Schuldenkrise Frankreich - das Problem Europas

Frankreich: Von wegen Euro-Retter!
Miguel Santamarina

Hohe Schulden, verkrustete Wirtschaft, angeschlagene Banken - der zweitgrößte Euro-Staat steht alles andere als solide da. Bonitätswächter drohen mit Abstufung, Beobachter halten Frankreich für "das eigentliche Problem Europas". Scheitert die Währungsunion womöglich an Paris?

Paris - Das Büro von Philippe Crouzet ist eine Art franko-alemannische Symbiose: Die Strenge der Deutschen und das Ausladende der Franzosen - der Chef des Stahlkonzerns Vallourec hat es perfekt vereint. In eine quadratische Zweckarchitektur hat Crouzet vier Louis-XVI-Stühle um einen antiken Tisch eingepasst, an dessen lederner Oberfläche Napoleon über Eroberungsplänen gebrütet haben könnte.

Geschickt verbunden, geben Frankreich und Deutschland ein tolles Paar ab.

So will Crouzet sein Unternehmen verstanden wissen. Seit Vallourec, der Spezialist für Stahlröhren, die Mannesmann-Röhrenwerke 2005 vollständig übernahm, ist der 4,5-Milliarden-Euro-Konzern eines der wenigen französisch-deutschen Vorzeigeunternehmen. "Eins plus eins ergibt bei Vallourec drei", sagt Crouzet.

Leider bringt Frankreich ansonsten oft nur noch weniger als eins auf die Waage. Das Selbstvertrauen ist dahin. Seit zehn Jahren verliert die Wirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit. Und nun zwingt die Schuldenkrise Präsident Nicolas Sarkozy, die Staatsausgaben, die das Wachstum seit Jahrzehnten wie ein ewiges Konjunkturprogramm dopen, schnell und radikal zu amputieren. Zumal die anstehende Rekapitalisierung der Großbanken weitere Haushaltsrisiken birgt.

Frankreich droht seine AAA-Bewertung bei den Ratingagenturen zu verspielen, was Europas Währungsunion vermutlich den Rest geben würde. Das Bemühen, Frankreich mit Hilfe von Euro-Bonds oder mit Hilfe der EZB zu entlasten, scheitert bislang am Widerstand der deutschen Bundeskanzlerin.

"Ich würde gern einmal Peter Hartz kennenlernen"

Die Strukturkrise in Frankreich dürfte sich noch verschlimmern. Es sei denn, es gelingt, die südeuropäischen Reflexe zurückzudrängen - und deutscher zu werden.

Steuersystem, Arbeitsrecht, Tarifpartnerschaft, Etatdisziplin: In den Vorstandsetagen Frankreichs ist Deutschland das neue Vorbild. "Frankreich steckt in einer Phase bewundernden Neids gegenüber dem deutschen Wirtschaftsmodell", sagt Joachim Bitterlich. Als Vizepräsident des Versorgers Veolia kennt der Ex-Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl die französische Managerelite besser als viele andere.

In ihren Büros an der Avenue Hoche, dem Boulevard Haussmann oder in La Défense zu Paris sehen viele Konzernchefs die "Agenda 2010" Gerhard Schröders als den Grund dafür, dass Deutschland an Frankreich vorbeizieht wie ein ICE an einer Dampflok. "Ich würde zu gern einmal Peter Hartz kennenlernen", gesteht ein Patron, kaum dass der Vorspeisenteller abgeräumt ist.

Tief enttäuscht ist die gallische Wirtschaftselite von Präsident Nicolas Sarkozy, der im April 2012 wiedergewählt werden will. Als Kandidat hatte er Reformen versprochen, einen "Bruch" mit der Staatsgläubigkeit des Ancien Régime. Geliefert hat er allenfalls Stückwerk.

"Circa zehn Jahre" Rückstand habe Frankreich in puncto Strukturreformen, sagt Vallourec-Chef Crouzet. Im Jahr 2000 hatte sich die EU auf die ambitionierte Lissabon-Agenda geeinigt, um die Wachstumskräfte zu stärken - weniger Regulierung, mehr Investitionen. Doch in Paris passierte zu wenig.

© manager magazin 11/2011
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