Sonntag, 28. Mai 2017

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Ferdinand Piëch Die Motorik der Macht

Der VW-Patriarch: 40 Jahre Ferdinand Piëch bei Volkswagen
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DPA

5. Teil: Kapitel IV: Der Visionär

Er erkennt Schlüsseltechnologien lange vor der Marktreife, sammelt Firmen und Marken und braucht immer ein neues Feindbild - Gott sei Dank gibt es Hyundai.

Was einen guten Manager ausmache, ist Ferdinand Piëch kürzlich gefragt worden. Seine Antwort: Es gelte, stets 20 Jahre vorauszuschauen.

Der Salzburger Autofanatiker verkörpert die Antithese zu Shareholder-Value und kurzfristiger Gewinnmaximierung. Wo Wettbewerber auf den nächsten Bonus schielen, geht es Patriarch Piëch um sein Lebenswerk: Investition schlägt im Zweifel Dividende.

Fasziniert ihn eine Technologie, setzt er sie mit allen Mitteln durch. So war es auch, als der Stuttgarter Zulieferer Bosch Ende der 90er Jahre das Pumpe-Düse-System entwickelte. Gut ein Jahr lag man schon hinter dem Zeitplan, als Piëch und Winterkorn zum vierteljährlich anberaumten Feedback im Bosch-Werk Rommelsbach weilten. Franz Fehrenbach (62), heute Konzernchef, damals bei Bosch für die Dieseltechnik verantwortlich, musste dem Auftraggeber erläutern, warum sich die Sache weiter verzögern werde.

Dann sprach Piëch. Wenige Worte reichten, um die Bosch-Führung in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen: "Jetzt müsste ich eigentlich eine Gewinnwarnung herausgeben. Wir können keine Autos mehr produzieren." Die Runde, darunter Boschs heutiger Oberaufseher und Piëch-Intimus Hermann Scholl (76) sowie der bei den Stuttgartern inzwischen für die Automobiltechnik verantwortliche Bernd Bohr (55), verfiel in stummen Schrecken. Alle hatten verstanden, wie ernst die Lage für Bosch war.

Am Ende einigten sich die Unternehmen, eventuelle Haftungskosten zu teilen. Bosch punktete mit einem nahezu fehlerfreien Serienstart, VW mit einem Verkaufsrenner.

Langlebige Beziehung zwischen Volkswagen und Bosch

Volkswagen und Bosch, die Beziehung zwischen diesen Produzenten deutscher Spitzentechnologie ist so langlebig wie symbolträchtig. Sie steht für Ferdinand Piëchs Verlangen, stets der Beste zu sein.

Beispiel Doppelkupplungsgetriebe: Ende der 60er Jahre schon ließ Piëch, damals Entwicklungschef der Porsche AG, die Mischung aus Hand- und Automatikschaltung testen. Dass das Getriebe für den Alltagsverkehr noch gänzlich unbrauchbar war, störte ihn nicht. Er hatte schließlich theoretisch berechnet, dass sich die Rundenzeit auf der Nordschleife des Nürburgrings mit Doppelkupplung um sieben Sekunden verbessern ließe.

In der Folge geriet die Getriebevariante allgemein in Vergessenheit. Einer allerdings verfolgte sie unbeirrt weiter: Ferdinand Piëch. Fast 40 Jahre später war die Technologie fit für den Massenmarkt. Volkswagen gelang ein sensationeller Erfolg.

Beispiel Drei-Liter-Auto: Begeistert von neuen, leichteren Materialien und sparsameren Motoren, ließ Piëch Ende der 90er Jahre das Drei-Liter-Auto entwickeln, eine besonders umweltfreundliche Variante des VW-Kleinwagens Lupo. Doch selbst die Grünen, denen VW für den Wahlkampf 1998 exakt 49 Sparlupos spendierte, verschmähten das Modell. Noch heute echauffiert sich Piëch in internen Zirkeln darüber, dass die Ökopolitiker nach der Wahl 48 Autos zurückgaben.

Die Zeit war damals noch nicht reif für Piëchs Vision von der sauberen Autowelt. Ähnliches deutete sich bei seinen frühen Lkw-Plänen an. 1999 geistern bereits Gerüchte durch die Autowelt, Volkswagen Börsen-Chart zeigen häufe Aktien der schwedischen Firma Scania Börsen-Chart zeigen an.

Ein Lkw-Hersteller? Viele VW-Manager halten die Spekulationen für abwegig. Ein Vorstand einer Konzerntochter versucht sich an einem Witz: Ob er jetzt den Lkw-Führerschein machen müsse, fragt er den großen Vorsitzenden. Doch der lacht nicht. Stattdessen fischt er seinen Führerschein aus der Tasche, mit frisch eingetragener Bus- und Lkw-Lizenz. Piëch meint es ernst mit Scania, er lässt tatsächlich Anteile kaufen.

VW gegen Mercedes, Audi gegen BMW, MAN und Scania gegen Daimler

Der Grund dafür ist Daimler, das sich mit der neuen A-Klasse anschickt, VW auf dessen Terrain Konkurrenz zu machen. Nun will der VW-Chef seinerseits Lastwagenhersteller werden - und damit die Stuttgarter, weltgrößter Truck-Hersteller, angreifen. Selbst den Erwerb von MAN-Aktien lässt er prüfen. Es fehlt allerdings am nötigen Geld, Piëch legt seine Pläne zunächst auf Eis. Aber als sich acht Jahre später eine neue Chance ergibt, schlägt er zu, kauft erst die Mehrheit an Scania, dann auch an MAN - und überrascht damit die gesamte Autoszene.

Der Mann lässt sich von klaren Feindbildern leiten: VW gegen Mercedes, Audi gegen BMW, Seat gegen Alfa, Skoda gegen Volvo und jetzt eben MAN/Scania gegen Daimler.

Auch für den Gesamtkonzern war die Aufgabe lange klar umrissen: Toyota von der Weltspitze verdrängen, bis 2018 zum Automobilkonzern Nummer eins aufsteigen, nicht nur bessere, sondern auch mehr und profitablere Autos bauen als die Japaner. Mittlerweile hat Piëch nachgeschärft. Vier bis fünf Jahre früher als ursprünglich geplant müsse Volkswagen ganz oben stehen, lautet der neue Auftrag für Konzernchef Martin Winterkorn.

Und das Feindbild, jetzt, wo Toyota Börsen-Chart zeigen geschlagen scheint? Gott sei Dank gibt es Hyundai Börsen-Chart zeigen . Der Aufsteiger wächst noch schneller als die Wolfsburger Multimarkenmaschine. Vor nicht einmal fünf Jahren hat VW die Koreaner noch als Produzenten "billiger Schrottautos" belächelt, heute zertifiziert sie Winterkorn persönlich als Qualitätslieferant - eindrucksvoll zu besichtigen auf Youtube ("Da scheppert nix").

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