Mittwoch, 26. Juli 2017

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Ferdinand Piëch Die Motorik der Macht

Der VW-Patriarch: 40 Jahre Ferdinand Piëch bei Volkswagen
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4. Teil: Kapitel III: Der Eigentümer

Erst muss er taktieren, weil er sich nicht durchsetzen kann, dann triumphiert er doch im Ringen zwischen Porsche und Volkswagen - sein größter Kampf.

Wolfsburg, 12. September 2008, der VW-Aufsichtsrat tagt. Die Gefechtslage sieht so aus: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking (59) ist gut vorangekommen bei der Übernahme des Goliaths VW, unterstützt vor allem vom Porsche-Clan um Oberhaupt Wolfgang Porsche (68).

Die argwöhnischen VW-Arbeitnehmer verlangen einen Ausschuss, der die Geschäfte zwischen Audi und Porsche überwachen soll, um eine Bevorzugung des neuen Eigners aus Stuttgart zu verhindern. Die Stimmung ist mies, die Sitzung verläuft chaotisch.

Denn 40.000 VW-Werker demonstrieren draußen für den Erhalt des VW-Gesetzes, das dem Aktionär Niedersachsen (20 Prozent) eine Sperrminorität sichert. Wie viele VW-Aktien Wiedeking auch immer kauft: Solange diese Sonderregel Bestand hat, kann er den Konzern nicht beherrschen und in die Kasse greifen, um die teure Übernahme zu refinanzieren. Zu jenem Zeitpunkt ist herrschende Meinung: Die EU kippt das VW-Gesetz.

Die Arbeiterführer und VW-Aufseher Bernd Osterloh (55, Betriebsratschef) und Jürgen Peters (67, Ex-IG-Metall-Chef) verlassen immer mal wieder den Raum und gehen zu den Demonstranten. Die Szenerie, so aufgeheizt sie ist, spielt vor den Kulissen. Dahinter wirkt der Machttaktiker Piëch - in diesem Falle, obwohl er krankheitsbedingt fehlt, besonders effektiv.

Als Aufsichtsratsvize Peters abstimmen lässt, ergibt sich zunächst das gewohnte Bild: Zehn Arbeitnehmer votieren mit Ja, neun Kapitalvertreter mit Nein. Piëchs Votum, der bei einem Patt ein doppeltes Stimmrecht hat, liegt schriftlich vor. Peters tut so, als fände er das Kuvert nicht, und liest dann betont langsam: "... stimme ich mit Enthaltung". Der Ausschuss ist beschlossen, die Runde konsterniert. Aufgebracht verlässt die Porsche-Fraktion die Sitzung.

"Das war der erste Schuss Piëchs gegen Wiedeking", erinnert sich ein Aufsichtsrat. Und, fügt er an, die Aktion sei ein Beleg dafür, dass Piëch "nicht nur nach vorn marschiert, sondern sich auch mal geschickt ins Mittelfeld zurückfallen lässt".

Piëchs erster Schuss gegen Wiedeking

Mitte Oktober musste Piëch dann zum Krachgipfel der Familie auf dem heimatlichen Schüttgut in Österreich antreten. Es gab Forderungen nach seinem Rücktritt vom VW-Aufsichtsratsposten; die Blutdruckwerte stiegen bedrohlich. Nur bei Piëch nicht: Der Mann, stressresistent und kühl wie immer, gab klein bei. Dergleichen solle nicht wieder vorkommen. Ihm war klar: Die anderen sind stärker - noch.

Piëch ahnte wohl, dass das Risiko einer VW-Übernahme durch Porsche über ein kompliziertes Optionsmodell zu groß geworden war. Er, der Gefahren wittert wie ein Murmeltier den Rotfuchs, hatte sich rechtzeitig aus dem Porsche-Aufsichtsratspräsidium zurückgezogen. Er fühle sich, so sagte er damals, unzureichend informiert und wolle jegliche Haftungsrisiken vermeiden.

Und als die Konstruktion des Porsche-Finanzers Holger Härter (55) zusammenbrach, fügte es sich, dass VW den kleinen Sportwagenbauer eingemeindete. Still und gewohnt kurz genoss Piëch seinen Triumph, als Härter eines Freitagabends seinen VW-Kollegen Pötsch anrief: Er brauche 700 Millionen Euro, sonst sei die Chose nicht mehr zu retten. Spinnt der?, fragten sich Pötsch und Piëch: Er geht die um Geld an, die er kaufen will?

Piëch gelang es, den Großaktionärsvertreter Wulff, der mit der Porsche-Seite sympathisiert hatte, umzudrehen. Dass es besser sei, wenn VW Porsche übernimmt, leuchtete dem schnell ein.

Der schwere Gang nach Hannover

Die Familie musste den schweren Gang nach Hannover, Ortsteil Canossa, antreten. Volkswagen und Wulff waren einverstanden, Porsche neue Kredite zu besorgen, um eine drohende Pleite abzuwenden. Doch dafür musste der Clan Porsche Salzburg, Europas größten Autohändler, verpfänden; schließlich wurde die Firma für 3,3 Milliarden Euro an VW verkauft. Was Piëch durchaus als unangenehm empfindet: Das Unternehmen ist das Erbe seiner Mutter, das er eigentlich eigenständig halten wollte.

Dagegen jedoch wiegt der Bund der beiden Autoschmieden schwerer. Die bislang bevorzugte Variante ist eine Verschmelzung von Volkswagen mit Porsche. Dann rücken die Stuttgarter Autobauer unter das VW-Dach; die Porsche- SE-Holding, die derzeit noch 50,1 Prozent der Porsche AG und 50,7 Prozent der VW-Stammaktien hält, würde verschwinden. Das sollte eigentlich noch in diesem Jahr passieren, doch daraus wird nichts; zu groß erscheinen den Wolfsburgern die juristischen Gefahren. Zahlreiche Hedgefonds klagen gegen die alte Porsche-Führung in Deutschland und den USA wegen dubioser Aktiendeals während der Schlacht um VW. Forderungen: mehrere Milliarden Euro, genau weiß das keiner. Die Risiken will sich VW nicht ins Unternehmen holen.

Die Alternative (Plan B): VW übernimmt die restlichen Anteile der Porsche AG, die SE bleibt erhalten. Vorteil aus VW-Sicht: Die SE trägt das Klagerisiko. Nachteil: Bei der Übernahme fallen Milliarden Steuern an; erst 2014 wäre ein solcher Deal steuerfrei. Die Familie würde im B-Fall über die SE die VW-Mehrheit halten; bei einer Verschmelzung sänke ihr Anteil auf rund 30 Prozent.

Piëch ist gleichwohl guter Dinge, dass die Fusion im kommenden Jahr noch klappt. Er zielt auf einen Vergleich, sobald erkennbar ist, dass die US-Gerichte im Sinne von Porsche/VW entscheiden - dann, ließ er Vertraute wissen, könne man die Kläger billig abfinden.

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