Donnerstag, 23. November 2017

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Ferdinand Piëch Die Motorik der Macht

Der VW-Patriarch: 40 Jahre Ferdinand Piëch bei Volkswagen
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DPA

3. Teil: Kapitel II: Der Oberaufseher

Er paktiert mit den Arbeitnehmern, umgarnt die Politik, testet Autos am Großglockner und erwartet von jedem MAN-Vorstand den Lkw-Führerschein.

Hat Piëch ein Ziel vor Augen, bringt ihn so leicht nichts mehr von seinem Weg ab. Dann nutzt er den kompletten Taktikschraubensatz und missachtet die guten Sitten deutscher Corporate Governance: Nebensache, hält nur auf. Schnell hat er erkannt, dass die idealen Verbündeten für ihn die Arbeitnehmer sind: Er sichert deren Jobs, sie lassen ihn machen. Die Kapitalvertreter werden dann schon mal am Nasenring durch Wolfsburg geführt.

Wie am 11. November 2005. Auf der Tagesordnung des Aufsichtsrats steht der Punkt "Personelle Angelegenheiten". Dass sich dahinter die Wahl des IG-Metallers Horst Neumann (62) zum neuen VW-Personalvorstand verbirgt, erfahren die Leute auf der Arbeitgeberbank erst, als sie den Saal betreten.

Piëch will die Angelegenheit rasch erledigen. Für die Wahl im ersten Anlauf sind zwei Drittel der Stimmen nötig. Die Neumann-Anhänger benötigen also vier Stimmen der Kapitalseite. Aber der damalige VW-Chef Pischetsrieder will den SPD-Metaller nicht; der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Christian Wulff (52) - das Land hat zwei Mandate - ist der gleichen Meinung, wie andere Kapitalvertreter auch. Die Sache steht, so scheint es zumindest, nicht gut für Piëch.

Doch Aufseher Klaus Liesen, ein enger Freund seit López-Tagen, und Tui-Chef Michael Frenzel sind auf seiner Seite. Der britische Lord David Simon of Highbury, der dagegengestimmt hätte, ist nicht da. Es passt also. 13 : 6 geht die Abstimmung aus - eine Punktlandung.

Die Reaktion der Düpierten ist sprachloses Entsetzen; einige beschweren sich hinterher ob des inakzeptablen Umgangsstils. Nützt ja alles nichts. Piëch, der Menschen digital nach dem Freund-Feind-Schema klassifiziert, hat sich gemerkt, wer gegen ihn war. "Danach herrschte Eiszeit: Er redete noch weniger, suchte keinen Blickkontakt mehr", erinnert sich ein Opponent.

Geschmeidiger Umgang mit der Politik

Auch das Spiel mit der Politik beherrscht Piëch mittlerweile so gut, als hätte er jahrelange Fraktionserfahrung. Er weiß: Wer in Niedersachsen gewählt werden will, braucht die Stimmen der VWler. Mit SPD-Mann Gerhard Schröder verstand sich Piëch bestens, dessen CDU-Widersacher Wulff war er zunächst in gegenseitiger Abneigung verbunden. Bis er ihn brauchte, um den Porsche-Angriff abzuwehren. Wulff-Nachfolger David McAllister (40) ist leichter zu handhaben: Der Christdemokrat sucht die Nähe zum VW-Volk, steht bei PR-Terminen gern in der ersten Reihe und ging kürzlich erst mit den VW-Granden auf Tour nach Brasilien.

In seiner Rolle als Aufsichtsratschef, der eigentlich nur überwachen soll, hat Piëch schmerzlich erfahren: Es geht einfach nicht ohne ihn. Als Pischetsrieder ihn 2002 an der VW-Spitze ersetzte, wähnte er sich schon auf Weltreise mit seinem Segelboot. Bis er merkte, dass unter dem Neuen die Kernmarke VW ruiniert wurde: aus 2,2 Milliarden Euro Gewinn am Ende der Piëch-Ära wurden drei Jahre später 25 Millionen Euro Verlust.

Obwohl er sich für den früheren BMW-Chef starkgemacht hatte, ließ er diesen nun fallen, nein: Er fällte ihn persönlich. Man könne eben erst beurteilen, ob einer etwas tauge, wenn er seinen Job erledige, ist seitdem seine Recruiting-Devise. Menschenkenntnis braucht er im Grunde nicht. Liegt er schief, ist der Fehler immer noch zu beheben. Am liebsten folgt der Oberaufseher seinem eigenen Urteil. Er denkt 24 Stunden Auto, wer will ihm da etwas vormachen?

Wenn ihm ein Mangel auffällt, ruft er an, sagen jene, die ihn, mit zittrigen Fingern, gelegentlich am Ohr haben. Und er ärgert sich, wenn er zu spät reagiert. Die neue Luxuslimousine A8, hat er die Audi-Leute prompt wissen lassen, wäre besser geworden, hätten er und Winterkorn besser aufgepasst. Der Kofferraum sei ja kleiner als der des billigeren A6 - eine solche Modellperversion muss man einem wie Piëch schon glasklar begründen.

Die Entwickler der Konzernmarken stellen ihm Prototypen häufig schon in der Frühphase vor die Haustür. Er testet die neuen Modelle selbst, um acht Uhr morgens am Großglockner, wenn störende Motorradfahrer noch schlafen. Piëch verlangt die gleiche Hingabe an das Produkt von seinen Topleuten. Alle Scania-Vorstände dürfen selbst einen Lastkraftwagen steuern. Der Vorstand der Münchener Schwester MAN kann da nicht mithalten. Wer Piëch kennt, weiß: Ja, das wird sich ändern.

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