Samstag, 18. November 2017

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Ferdinand Piëch Die Motorik der Macht

Der VW-Patriarch: 40 Jahre Ferdinand Piëch bei Volkswagen
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2. Teil: Kapitel I: Der Manager

Er reanimiert Audi, rettet VW vor der Pleite und regiert mit harter Hand - seine Werksbesuche kündigt er zehn Minuten vorher an, gerade genug Vorbereitungszeit zum Händewaschen.

Ferdinand Piëchs Aufstieg zum Volkswagen-Patriarchen beginnt 1987 mit einem Abschiedsbrief: Er kündigt. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Audi AG wartet Piëch zu dieser Zeit ungeduldig auf seine Beförderung zur Nummer eins. Da eröffnet ihm Audi-Chef Wolfgang Habbel, der Aufsichtsrat habe ihn gebeten, ein Jahr länger zu bleiben.

Ein Misstrauensvotum gegen Piëch, eine Intrige von Konzernvormann Carl Hahn? Er will nicht länger auf den Vorstandsvorsitz warten, sich lieber einen Job in Japan suchen, das er damals verehrt. Nur wenige Stunden nach Habbels Botschaft schreibt er seine Demission. Doch der Brief wird seinen Adressaten nie erreichen. Piëchs Frau Ursula, im dritten Monat schwanger, wirft die Kündigung nicht ein.

Die Episode belegt: Dieser Mann lässt sich nicht hinhalten. Er ist finanziell unabhängig, er kann es sich leisten, auch lukrative Stellen aufzugeben - und er zögert nicht, aufs Ganze zu gehen.

Von Hahn und Habbel fühlt sich Piëch ungerecht behandelt: Er hat aus der Spießermarke Audi schließlich eine Sportmarke gemacht. Er hat den Allradantrieb entwickelt. Schon bald will er Prototypen mit Aluminiumkarosserien präsentieren, mit dem Audi V8 in die automobile Oberklasse vorstoßen. Piëch wagt sich an Projekte, von denen Konkurrenten nicht einmal träumen.

Die Vorstandsspitze, so empfindet er es, gebührt deshalb nur einem: ihm. Die anderen würden das schon noch merken. Fortan widmet er sich nur noch der Entwicklung, gibt den stellvertretenden Vorsitz ab und überlässt Habbel sich selbst. Schon nach einem Dreivierteljahr läuft der Audi-Motor nicht mehr rund. Ein solider Gewinn ist roten Zahlen gewichen. In seiner Not wendet sich Betriebsratschef Fritz Böhm an Piëch: "Was kann ich tun, damit Sie sich wieder mehr um das Unternehmen kümmern?"

Wie Piëch den Herrn Goeudevert umkurvte

Der Gefragte hat da sehr genaue Vorstellungen, und der Arbeiterführer sorgt dafür, dass Piëchs Bitte erfüllt wird: Am 1. Januar 1988 übernimmt der Porsche-Enkel die Vorstandsspitze der Audi AG. Gedanklich ist Piëch seinen Kollegen in jenen Jahren mindestens zwei schnelle Nürburgringrunden voraus. Vor seinen Augen steht längst die Vision eines zu gewaltiger Größe angewachsenen Volkswagen-Konzerns.

Doch wäre im Frühjahr 1992 alles gelaufen wie vorgezeichnet, Piëch hätte seine Ideen nie realisieren können. In Wolfsburg steht die Wahl eines neuen Vorstandschefs an, und Piëch will an die Spitze. Als er sich aber auf einem Geheimtreffen in Kassel den zwölf Vertretern der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen präsentiert, scheint der Audi-Mann chancenlos. Die Mehrheit der Runde präferiert Marken- und Einkaufsvorstand Daniel Goeudevert.

Die Betriebsräte halten Piëch nicht eben für sozialkompetent. Nur zu gut erinnern sie sich daran, wie er zwei Jahre zuvor 4000 Mitarbeiter entlassen hat - und wie Audi-Hundertschaften vor seinem Ingolstädter Haus demonstrierten.

Drei Arbeitnehmervertreter immerhin unterstützen Piëch, und einer aus diesem Trio wird ihn nachts um drei wecken und von einer erstaunlichen Volte berichten: Franz Steinkühler, damals Vorsitzender der IG Metall. Er kennt Piëch aus dem Audi-Aufsichtsrat, glaubt an dessen Fähigkeiten; und er weiß, dass Piëch als VW-Chef alles tun wird, um Massenentlassungen zu vermeiden.

Also redet er bis tief in die Nacht auf seine Kontrolleurskollegen ein. Er macht ihnen klar, dass der Konzern vor der Pleite steht, dass aktuell 30.000 Mitarbeiter zu viel an Bord sind und dass nur Piëch diese Probleme lösen kann - keinesfalls aber der nette Herr Goeudevert.

"Das ist ein Diktator"

Wenige Wochen später wird der Außenseiter gewählt; und tatsächlich saniert er den Konzern anschließend ohne große Stellenstreichungen. Als Personalchef holt er den ehemaligen IG-Metall-Funktionär Peter Hartz - eine Schlüsselentscheidung: Gestützt von Piëch, erfindet Hartz revolutionäre Beschäftigungsmodelle wie die Viertagewoche und die Auto 5000 GmbH.

Im Sexskandal kann sich Hartz auch durch noch so innovative Tarifsysteme nicht retten, er verliert seinen Job. Piëch selbst bleibt unbefleckt. In der López-Affäre wird es für ihn noch enger. Auch hier muss ein anderer gehen: der von GM abgeworbene spanische Einkaufsvorstand.

Von solchen Fehlschlägen lässt sich der VW-Anführer nicht beirren. Als Piëch den Vorstandsvorsitz 2002 an Bernd Pischetsrieder übergibt, hat er den Konzern auf Hochglanz poliert: mehr als fünf Millionen verkaufte Autos, Rekorde bei Umsatz und Gewinn. Piëchs Kritiker werden trotz der umstrittenen Übernahmen der Luxusmarken Bentley und Lamborghini immer leiser. Wie schon in Ingolstadt verfolgt der Konzernchef auch in Wolfsburg eine Doppelstrategie: So nachsichtig er agiert, wenn es die Arbeitsplätze der Fabrikarbeiter zu sichern gilt, so unnachgiebig führt er sein Management.

"Dieser Mann setzt sich immer durch, das ist ein Diktator", sagt Autoveteran Bob Lutz (79). Wie unerbittlich Piëch sein kann, das begreift der damalige GM-Vorstand während eines Gesprächs nach einer abendlichen Runde beim Verband der Deutschen Automobilindustrie.

"Dann wollen Sie auch keine besseren Spaltmaße"

Derart präzise gestanzte Blechteile, eine so sauber gearbeitete Karosserie wie bei Volkswagen habe er noch nie gesehen, lobt Lutz den Rivalen. GM bekomme das einfach nicht hin. "Wollen Sie das auch schaffen?", fragt Piëch. "Dann hören Sie zu: Ich habe die Verantwortlichen in mein Büro gerufen und ihnen gesagt, dass die Spaltmaße aller Karosserien in einem halben Jahr maximal vier Millimeter betragen dürfen. Wenn ihr das nicht schafft, könnt ihr gehen." Als der GM-Manager bezweifelt, dass er so hart vorgehen könne, fällt Piëch ein schnelles Urteil: "Sie wollen das nicht? Dann wollen Sie auch keine besseren Spaltmaße. Sie wünschten nur, Sie hätten bessere."

Schonfristen gibt es bei Ferdinand Piëch nicht: Nach einem Jahr sind entweder die Zahlen schwarz, oder es kommen neue Gesichter; diesen Leitsatz hat er bei den Quandts, Haupteigentümer von BMW und Deutschlands zweite große Automobilsippe, aufgeschnappt. Auf Gnade, das wissen seine Topmanager, dürfen sie bei ihm nicht hoffen.

Nur korrekt sei diese Härte, befindet der heutige VW-Chef Martin Winterkorn (64): "Vorstände verdienen sehr viel und tragen hohe Verantwortung. Da haben Fehler schnell sehr gravierende Konsequenzen. Entsprechend konsequent muss dann auch bei unzureichenden Ergebnissen gehandelt werden."

Winterkorn gehört zu den wenigen im Konzern, denen der Aufsichtsratschef vertraut. Dazu kommen VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg (61) und der seit dem Kampf um Porsche hoch geschätzte Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch (60); neuerdings auch noch Bentley-Boss Wolfgang Dürheimer (52). Das war es fast schon, und je größer die Distanz zum Kernteam, desto größer das Misstrauen des Patriarchen.

Wer Punkt 5a nicht kennt, muss gehen

Piëch hat ein engmaschiges Informantennetz über den Konzern geworfen. Besonders gefürchtet sind seine spontanen Werksbesuche. Vorgänger Hahn hatte solche Visiten in der Regel zehn Tage vorher angekündigt; Piëch gewährt mitunter nicht einmal zehn Minuten Vorwarnzeit: ein kurzes Händewaschen, mehr Vorbereitung ist nicht drin.

Selbst hochrangige Manager scheitern während solcher Rundgänge an Piëchs inquisitorischen Fragen. Wie einst im südafrikanischen Uitenhage. Nach "Punkt 5a" erkundigte er sich. Wie bitte? Weder der Chef von VW Südafrika noch Werksleiter oder oberster Qualitätsmann wussten, dass 5a in jedem VW-Werk die Endabnahmestelle der Autos ist. Hinterher brauchten sie es nicht mehr zu lernen - die drei mussten gehen.

Diese Episode ist nur eines von zahlreichen Piëch-Schmankerln. Da fällt ein Qualitätschef in China in Ungnade, weil er gerissene Kotflügel notdürftig schweißen lässt; ein anderes Mal hat ein Herr über die Lackieranlage übersehen, dass Sand durch Klimaluken in die Halle gedrungen war und aus Glattlack einen Rauputzbelag gemacht hatte.

Reagiert der Konzernlenker einmal nicht so direkt, ist das längst kein seltenes Geschenk piëchscher Nachsicht. Denn der Mann vergisst nicht. Darunter leidet auch jener Vorgesetzte, der dem damaligen Audi-Novizen Piëch den Bonus mit der Begründung verweigert, der Neue habe ja dank seiner Familie genug Geld.

Piëch lauert auf eine Revanche. 20 Jahre später kommt die Gelegenheit. Er steigt zum Chef seines ehemaligen Vorgesetzten auf - und rächt sich: Der Topmanager kriegt keinen Bonus. Selbst einen ähnlich bizarren Grund für die verweigerte Prämie findet der triumphierende Piëch. Der Mann habe doch in den vergangenen Jahren genug kassiert.

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