Dienstag, 11. Dezember 2018

Internet Revoolution bei Google

Geldbringer: Die heiligen Cashcows von Google
AFP

4. Teil: Urs-Quake: Googles steiniger Weg in die Social-Media-Welt

Kein Vorstoß ins soziale Internet endete aber für Google derart desaströs wie der anschließende Anlauf namens Buzz. Der vermeintliche Facebook-Killer-Dienst war den Google-Mitarbeitern zuvor als "Hundefutter" zum Fraß vorgeworfen worden. "Eat your own dogfood": So heißt in Mountain View der Prozess, mit dem neue Produkte zunächst von den eigenen Mitarbeitern getestet werden. Die Googler hatten sich begeistert von der Tatsache gezeigt, dass Buzz alle Kontakte aus ihren E-Mail-Adressbüchern automatisch in öffentlich sichtbare Buzz-Freunde umwandelte.

Doch die Google-Belegschaft bildet alles andere als einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung. Die nämlich war entsetzt: Gewalttätige Ex-Ehemänner etwa konnten mit einem Mal sehen, welche Bekanntschaften die ehemalige Gattin pflegte. Buzz war tot, bevor der Dienst überhaupt mit Leben gefüllt werden konnte.

Es war der Schweizer Urs Hölzle, Google-Manager der ersten Stunde, der im März 2010 schließlich den Weckruf startete. In einem internen Memo warnte Hölzle die Googler davor, dass das zunehmend gemäß den Vorlieben der Nutzer organisierte Internet zu einer ernsthaften Bedrohung für Google werde. Eine geballte, entschiedene Strategie für soziale Medien sei nötig, forderte Hölzle - in Anspielung auf ein berühmtes Memo von Bill Gates, der 1995 gewarnt hatte: Microsoft drohe das Geschäft mit dem Internet zu verpassen.

Hölzles Botschaft ging als "Urs-Quake" in die Google-Annalen ein und wurde zum Auslöser für Gundotras Emerald-Sea-Projekt.

Google scheint endlich im sozialen Netz angekommen zu sein

Der 2006 von Microsoft abgeworbene Gundotra wurde zum Leiter einer schnellen Eingreiftruppe ernannt, die fortan mit allen Freiheiten und nahezu unbegrenztem Budget das Problem mit dem sozialen Internet lösen sollte. "Wir haben sehr aus der Vergangenheit gelernt", sagt Philipp Schindler, der ebenfalls von der Page-Revolution profitierte und als erster deutscher Manager in die Google-Führungsetage nach Mountain View berufen wurde. Gundotra habe "eine deutlich größere Vision verfolgt als die kleinteiligen Initiativen davor".

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Über 25 Millionen Nutzer hat Google Plus seit dem Start im Juli hinzugewonnen, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist auch registriert. Page hat Google Plus zur Chefsache erklärt, zusammen mit Gundotra baut er den Dienst zu einer übergreifenden Plattform aus, die mit anderen Google-Produkten wie E-Mail- oder Kartendiensten verwoben wird: "Die Zusammenarbeit zwischen Larry und Vic ist sehr eng", sagt Schindler. Google scheint endlich im sozialen Netz angekommen zu sein.

Doch zugleich offenbaren die vorangegangenen Fehlschläge im Kampf gegen Facebook die Defizite in Googles Firmenkultur. Von Anfang an folgten die beiden Firmengründer Page und Brin bei der Mitarbeitersuche einem einfachen Prinzip: Die Neugoogler sollten möglichst genauso sein wie die Gründer. Bis heute zeichnet Page jede Neueinstellung persönlich ab. Dementsprechend wimmelt es in der Googleplex genannten Firmenzentrale von Informatikern der Universitäten Michigan und Stanford, die Page und Brin einst besucht haben.

Die Informatiker dominieren die Google-Kultur bis hin zum schluffigen Dresscode. Ein Absolvent der Eliteuniversität Yale berichtet, dass er mit seinem osküstentypischen Look aus Oberhemd und Khakihose im Googleplex einfach nicht ernst genommen wurde. Erst als er sich ein paar T-Shirts und Kapuzenjacken zulegte, bekam er in Besprechungen ein Bein auf den Boden.

"Die Hierarchie bei Google ist kristallklar", sagt Google-Mitarbeiterin Denise Griffin. "Erst kommen die IT-Ingenieure und dann alle anderen." Teams werden zwar typischerweise von einem Produktmanager geleitet - doch der erfahrenste Informatiker in der Truppe besitzt meist ein informelles Vetorecht.

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