Mittwoch, 12. Dezember 2018

Korruptionsaffäre Eine Feuerwehrfrau für Daimler

Links und Frei: Die Karriere von Christine Hohmann-Dennhardt
Daimler AG

Daimler-Chef Dieter Zetsche braucht die ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt als Feuerwehrfrau, um eine explosive Korruptionsaffäre zu löschen. Kann die Starjuristin helfen? Eine Nahaufnahme der mächtigsten deutschen Managerin.

Hamburg - Als sich Christine Hohmann-Dennhardt (60) an einem sonnigen Freitag Ende März von zwölf Jahren ihres Lebens verabschiedete, überließ sie nichts dem Zufall. Ihr Sommerkleid im Leopardenmuster sollte sie aus dem Grau der Festgäste herausheben. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, würde die scheidende Juristin, dessen konnte sie gewiss sein, in geschliffenen Sentenzen für ihre Zeit am höchsten deutschen Gericht preisen. Die Gäste im Sitzungssaal in Karlsruhe, 300 Politiker, Richter und Professoren, würden an den richtigen Stellen klatschen.

Selbst für die Missklänge hatte Hohmann-Dennhardt gesorgt. Sie engagierte die Posaunistin Annemarie Roelofs, die "Bridge over Troubled Water" so experimentell zu spielen versteht, dass es kaum zu erkennen ist.

Über ihren neuen Arbeitgeber, die Daimler AG Börsen-Chart zeigen, verlor Hohmann-Dennhardt, seit 16. Februar dort Vorstand für Integrität und Recht, vor den versammelten Rechtsauslegern kaum ein Wort. Sie wolle im Unternehmen für faire Regeln sorgen, sagte sie lapidar. Um nach dem offiziellen Teil bei Kanapees, Kuchen und auch deftigen Würstchen noch anzufügen, dass sie mit dem Wechsel zu Deutschlands traditionsreichstem Autokonzern keineswegs ihre Unabhängigkeit verloren habe. Ganz im Gegenteil.

Und tatsächlich: Daimler, dieser Hort testosterongetriebener Autobauer, hat sich in die Hände einer Frau begeben, die schon vieles in ihrem Leben war, nur nie Manager. "Sie ist klug, aber von Wirtschaft hat sie keine Ahnung. Sie muss jetzt erst mal lernen, dass ein Auto vier Räder hat", sagt ein Aufsichtsrat, der sich lange mit ihr unterhalten hat. Und dann aufzählt, mit welchen ihrer politischen Ansichten er nun keineswegs übereinstimme: Als Frankfurter Sozialdezernentin hat das SPD-Mitglied Süchtigen Drogen auf Rezept verabreicht. Als hessische Justizministerin hat sie sich für die Legalisierung weicher Drogen eingesetzt. Und als Verfassungsrichterin in einem Minderheitsvotum gegen den Großen Lauschangriff gekämpft.

Der mächtigste weibliche Vorstand der Republik

Eine Frau wie ein Ausrufezeichen! Das Kreuz gerade wie ein preußischer Gardeoffizier. Kein Kilogramm zu viel. Die Haare, tiefschwarz gefärbt, schützen sie wie ein Helm. Die düster lackierten Fingernägel, das Make-up, der dunkle Lippenstift, das verbindliche Lächeln: Alles passt, alles sitzt.

Christine Hohmann-Dennhardt hat, was Daimler gern hätte: alles unter Kontrolle. Denn während die Schwaben im Monatstakt neue Verkaufsrekorde verkünden, die Umsätze und Gewinne nach oben springen wie Grashüpfer in der Sommerhitze, bedrohen die Spätfolgen einer leidigen Korruptionsaffäre die Daimler-Führungsspitze und die Gesundheit der Firma.

Louis Freeh (61), einstmals Chef der amerikanischen Bundespolizei FBI, wacht im Namen der US-Regierung und der Börsenaufsicht SEC über Daimlers Hygienefortschritte. Er entscheidet maßgeblich darüber, ob der Konzern, der sich der Korruption in 22 Ländern schuldig bekannt und schon jetzt 185 Millionen Dollar Strafgeld bezahlt hat, damit davonkommt. Denn der Delinquent ist nur auf Bewährung frei. Die US-Behörden können das Verfahren jederzeit wieder aufnehmen.

Freeh war es auch, der im vergangenen Sommer neben 26 anderen Auflagen von Daimler forderte, einen Vorstand eigens für Compliance einzustellen. Konzernchef Dieter Zetsche (57) muss schnell erkannt haben, dass eine gut beleumundete Besetzung von außen für Daimler ein Gewinn sein könnte. Im Herbst sprach er persönlich die damalige Verfassungsrichterin an, die er aus gemeinsamen Sitzungen des Universitätsrates Karlsruhe kannte.

Hohmann-Dennhardt sagte zu, bekam nach Ablauf ihrer Karlsruher Amtszeit einen Dreijahresvertrag und ist damit der mächtigste weibliche Vorstand der Republik. Denn jeder - und sie am allerbesten - weiß, dass Daimler sie nun gewähren lassen muss.

Sie ist finanziell unabhängig, extrem selbstbewusst, und, so erzählen langjährige Weggefährten, "sie lässt sich von niemandem etwas vorschreiben". Der Daimler-Chef, so viel ist klar, wird diese Frau nicht steuern können. Kehrte die Starjuristin dem Unternehmen vorzeitig und im Krach den Rücken, wäre der Schaden ungeheuer.

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