Mittwoch, 19. Dezember 2018

Tatort Potsdam Seegefechte zwischen Geldadel und Kommunalverwaltern

Küstenkrieg in Potsdam: Streit um die Uferwege
TMB / Boettcher

Erbitterte Fehde: Das Zusammenleben von reichen Großbürgern und roten Kommunalverwaltern sorgt immer wieder für Konflikte. Noch ist unklar, ob die Stadt mit der großen Vergangenheit die Kurve in eine leuchtende Zukunft bekommt.

Potsdam - Wenn er hochmögende Investoren (oder auch Journalisten einschlägiger Blätter) durch sein wundersames Reich märchenhafter Liegenschaften führen möchte, dann lädt Theodor Tantzen - 55, gegeltes Haar, elegant gekleidet - schon mal auf eine strahlend weiße Motorjacht. Und lässt auf der Fahrt über die verschlungenen Arme der Havel Schnittchen und Schaumwein reichen. Damit der Besucher von der einstigen Residenz- und Garnisonsstadt auch ja den besten Eindruck mitnimmt, den von See.

Mit dem Spiel der Sichtachsen, dem Blick auf historische Baumonumente und gediegene Villen am schilfbewachsenen Ufersaum, dem weiten Himmel darüber präsentiert sich Potsdam, das preußische Arkadien, von seiner feinsten Seite.

Vor einer öden, zerwühlten Großbaustelle lässt der drahtige Immobilienmanager anlegen. Die hochaufragenden Bauten dahinter tragen freilich klangvolle Namen, es sind Speicher der Staatsbaumeister Boelcke, Persius und - natürlich - Schinkel, einst errichtet zur Einlagerung von Proviant für die Garderegimenter, die hier unter den Augen des jeweiligen Königs gedrillt wurden. Jetzt werden die nüchternen Zweckbauten im Auftrag der Prinz von Preussen Grundbesitz AG, Tantzens Firma, nach allen Regeln der Kunst restauriert und mit luxuriösen Wohnungen ausgestattet, in bester Lage, unmittelbar am Wasser. Unter anderen hat Karstadt-Retter Nicolas Berggruen hier umfangreich investiert.

An Potsdam hängt alles, nach Potsdam drängt alles. Günther Jauch und Wolfgang Joop, Hasso Plattner und Mathias Döpfner haben sich hier standesgemäß niedergelassen, die Schauspielerin Nadja Uhl, die Wella-Erben Gisa und Hans-Joachim Sander, der Filmemacher Volker Schlöndorff, der Dirigent Christian Thielemann und der Ufa-Chef Wolf Bauer. Und dies sind nur die bekanntesten Namen. Pro Jahr kommen derzeit rund 1500 Neubürger zu den knapp 160.000 Einwohner hinzu - wohl mit das stärkste Wachstum einer Stadt im Osten.

"An Potsdam fasziniert mich die Schönheit von Landschaft und Architektur in Verbindung mit einer allgegenwärtigen, oft hässlichen Geschichte", sagt Mathias Döpfner, Vorstandschef von Springer und Potsdamer Neubürger. "Ich war 35 Jahre meines Lebens praktisch heimatlos. Immer woanders. Immer unterwegs. In Potsdam habe ich eine ästhetische Heimat gefunden."

Es ist diese Mischung aus Natur und Kultur, Historie und Modernität, die das Establishment nach Potsdam zieht, die Nähe zur Hauptstadt (bis zum Kanzleramt 35 Autominuten) und das an allen Ecken aufblitzende Weltkulturerbe, vielleicht auch der Geist des alten Preußen und die Abgeschiedenheit vom Großstadtrummel. So entfaltet Potsdam eine ganz sonderbare Dialektik aus rückwärts gewandtem Utopia und vorwärtsgewandtem Ancien Régime, die seinen Reiz ausmacht. Der Paparazzo, der Prominenten mit der Kamera nachstellt, ist hier eine unbekannte Spezies.

Und doch ist dieses Idyll nicht ungestört. Allenthalben flackert die sengende Flamme erbitterten Streites auf. Sorgt für Schlagzeilen in den Gazetten, zuletzt das Gerangel um den Uferweg am Griebnitzsee, ein zeterndes Gezerre zwischen Villenbesitzern an der Karl-Marx- und Virchowstraße, die ihr Grundstück bis zum Seeufer ungestört nutzen wollen, und Bürgern, die auf ihr Recht auf freien Zugang zum Gewässer pochen. Oftmals bleibt der von so viel widerstreitenden Ansprüchen überforderten Obrigkeit nur das Nachsehen. Etwa als sie sich im Streit um Denkmalschutzauflagen mit dem Gönner Günther Jauch verhob.

Die Medien verschaffen den Anliegen der Prominenten gern lautstark Gehör. Sodass von außen der Eindruck entsteht, in Potsdam tobe ein Kampf zwischen Reichen und Roten. Ob in der Auseinandersetzung Jauchs mit der Potsdamer Bau- und Denkmalverwaltung oder der um die Bebauungspläne am Glienicker Horn und um den Uferweg am Griebnitzsee - immer sind es Pleiten, Pech und Pannen, die Gräben zwischen ungelenker Verwaltung (Ost) und selbstbewusstem Großbürgertum (West) aufreißen.

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