Dienstag, 27. Juni 2017

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Preisspirale Hungerkrise wird zur fatalen Gefahr für den Westen

Lebensmittel: Welt in der Ernährungskrise
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DPA

Brot ist das Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Doch dieses Brot wird aufgrund global steigender Weizenpreise immer teurer. Das erschüttert längst nicht mehr nur die Dritte Welt und den Nahen Osten. Diese Krise kann zu einer fundamentalen Gefahr für den Wohlstand des Westens werden.

Hamburg - Am Anfang war der Hunger. Die Demonstranten in Tunis reckten Baguettes in die Höhe - als Protest gegen die hohen Brot- und Lebensmittelpreise. Zum Hunger kam Appetit auf Freiheit und Demokratie. Plötzlich entstand eine Revolution und schickte Tunesiens Führer Ben Ali in die Wüste.

Gestern Tunesien und Ägypten, heute Libyen und morgen andere arabische Staaten, Emirate und Sultanate - allerorten in Nahost mucken die Untertanen gegen die herrschenden Despoten auf und verjagen sie.

Bei all den Aufständen spielt Brot eine entscheidende Rolle. "Aysh" heißt auf Arabisch Brot, aber auch Leben. Es ist das Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Doch dieses Brot wurde aufgrund global steigender Weizenpreise in den vergangenen Monaten immer teurer und damit für viele Menschen in Nahost unbezahlbar. Vor allem deshalb gingen sie auf die Straßen und rebellierten.

Nicht nur im Nahen Osten rumort es gewaltig. Durch die Straßen der indischen Hauptstadt Neu-Delhi zogen Ende Februar 40.000 aufgebrachte Menschen. Sie protestierten gegen steigende Preise für Reis, Weizen und Zwiebeln.

In China ist laut einer Umfrage des Internetportals Baidu heute die größte Sorge der Menschen nicht fehlende politische Freiheit, sondern der Mangel an preiswerter Nahrung. Schon demonstrieren erste Unzufriedene. Durch Chinas Städte weht ein Hauch von Jasmin-Revolution, der noch durch die Polizei an einer Weiterverbreitung gehindert wird.

Weitere Hungerrevolten drohen, denn die Menschheit steckt mitten in einer globalen Ernährungskrise. Einer Krise, die mangels unmittelbarer Betroffenheit im Westen lange ignoriert und als Dritte-Welt-Problem verniedlicht wurde.

Eine fatale Fehleinschätzung. Diese Krise kann auch zu einer fundamentalen Gefahr für den Wohlstand des Westens werden: weil sie ganze Regionen wie den Nahen Osten destabilisiert und deshalb den Ölpreis steigen lässt; weil sie die Stabilität der Wirtschaftswunderländer China, Indien und Indonesien ins Wanken bringt - gerade jener Nationen also, auf die sich die Hoffnungen westlicher Konzerne konzentrieren und denen gerade das Exportland Bundesrepublik einen Großteil seiner ökonomischen Dynamik verdankt.

Sollte es ganz schlimm kommen, könnten Millionen Hungerflüchtlinge auf die westlichen Wohlstandsinseln strömen.

Langsam dämmert es den reichen Ländern, dass sich da eine gefährliche Melange zusammenbraut. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat deshalb die Nahrungsmittelkrise zum Topthema seiner G-20-Präsidentschaft gemacht. In Berlin beschäftigen sich gleich mehrere Ministerien mit Ursachen und Konsequenzen dieser Krise.

  Schlechte Ernte:  Entwicklung der Lebensmittelpreise
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Schlechte Ernte: Entwicklung der Lebensmittelpreise
Eine Patentlösung, die all die verschiedenen Probleme in jeder Region der Welt beseitigt, werden die Ministerialen sicher nicht finden. Es bieten sich aber vier Maßnahmen an, um die Versorgung der Weltbevölkerung zu sichern:

  • die Steigerung der Ernteerträge mithilfe neuer Technologien;
  • die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur;
  • der freie Handel mit Agrargütern;
  • das Ende der Verschwendung von Lebensmitteln.

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