Freitag, 21. Juli 2017

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Antriebslosigkeit Die müden Manager

Seelische Krise: Thesen dreier Wissenschaftler
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Christian O. Bruch für manager magazin

3. Teil: "Männer um die 40 suchen den Reset Button."

"Was in der geheimen Stunde des Lebensmittags geschieht ..., ist die Geburt des Todes", hat der berühmte Psychoanalytiker Carl Gustav Jung einst formuliert. Jung beschrieb, wie in der Lebensmitte die Endlichkeit seines Daseins zum ersten Mal wirklich ins Bewusstsein des Menschen rückt. Mit Blick auf den Tod beginne er, seinen bisherigen Lebensweg kritisch zu bilanzieren. Verfehlte Ziele oder hochgesteckte Erwartungen schmerzten nun stärker, da die Zeit davonzulaufen scheine.

Zur Seelenpein gesellen sich erste beunruhigende Signale des Körpers. Der Hormonhaushalt der Männer stellt sich schleichender als bei Frauen, aber doch unumkehrbar auf das Altern um. Nach dem Fußball zieht es in der Wade, das Geschrei der Kinder dringt mit einem Mal ungewohnt schrill ans Ohr, immer drängender wird das Bedürfnis, nach endlosen Meetings und strapaziösen Geschäftsreisen einfach einmal auszuruhen. "Lanserhof"-Chefärztin Monika von Hahn hört es häufig von ihren Patienten: "Um die 40 nimmt bei Männern die Lebensfreude ab."

Der natürliche Wendepunkt der Lebensmitte könnte ein guter Zeitpunkt sein, Ehrgeiz und Antriebe zu überdenken oder - wie es der Benediktinermönch Anselm Grün ausdrückt - die "Lebenskurve" anzuerkennen, die eben nicht endlos nach oben weist.

Manager tun meist das Gegenteil, sagt Jürgen Kugele, Psychoanalytiker und Coach in Berlin. Wo Stagnation droht oder es abwärts geht, werden alle Reserven mobilisiert, um den Status quo zu halten oder sogar noch einmal durchzustarten: "Dann heißt es: Jetzt oder nie. Einmal noch in die Vollen, bevor es zu spät ist."

"Die nächste Stufe brauche ich nicht, denn das bin nicht mehr ich."

Der Frankfurter Topheadhunter Heiner Thorborg hat an sich selbst erlebt, dass "Männer um die 40 den Reset Button suchen", wie er es nennt. Mit 45 kündigte er seine lukrative Anstellung bei der Personalberatung Egon Zehnder, trennte sich von seiner Frau und baute ein ganz neues Leben auf: eigene Firma, neue Ehe. Heute fühlt er mit all den frisch geschiedenen Mittvierzigern, die ihn um einen weiteren aufregenden Job beknien.

Freilich kann er nicht für jeden Wechselwilligen etwas tun. "Vielen zeige ich ihre Möglichkeiten auf und lasse sie zu dem Schluss kommen: Die neue große Chance gibt es für mich gar nicht mehr." Dies innerlich zu akzeptieren kann zu wahrer Zufriedenheit führen, stellt Thorborg mit Blick auf seine Klienten fest: "Die Leute sagen sich dann: Ich habe viel erreicht, worauf ich stolz sein darf - und die nächste Stufe brauche ich nicht, denn das bin nicht mehr ich."

In jeder Karriere komme irgendwann der Moment der "persönlichen Erdung", meint Jörg Staff, Personalleiter bei SAP. Der Konzern ermöglicht seinen Mitarbeitern, Sabbaticals zu nehmen. Nach einer Auszeit kämen die Kollegen oft mit größerer Motivation zurück, selbst wenn sie ihre bisherigen Jobs wieder aufnehmen, so Staff: "Sie schöpfen die Möglichkeiten ihrer Aufgabe intensiver aus."

Es gibt aber auch diejenigen, die frustriert abziehen, um ihr Ego andernorts zu Markte zu tragen. Weil sie felsenfest der Meinung sind, dass auf sie immer noch ein Hauptgewinn warten müsste.

Das sind meist jene Führungskräfte, die sich über der Konzentration auf die Karriere selbst verloren haben. Die durch die Regeln der Konzernwelt auf Bedeutsamkeit Konditionierten. Sie klammern sich mit enormem Kräfteverschleiß an ihre Laufbahn, selbst wenn diese sie eigentlich längst anödet.

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