Dienstag, 26. März 2019

Gewerkschaften Apparat in Auflösung

Angriffe auf den Koloss: Wie sich Konkurrenzgewerkschaften gegen Verdi formieren
dapd

2. Teil: "Bsirske ist Verdi, und Verdi ist Bsirske, so einfach ist das"

Von Anfang an sorgte Bsirske dafür, dass alles auf ihn zuläuft. Er ist viel in der Organisation unterwegs, häufig bis hinunter in die Ortsbezirke. Geschickt handelt er Kompromisse zwischen den verschiedenen internen Strömungen aus und platziert seine Gefolgsleute gezielt an den entscheidenden Positionen.

Seinem einzigen potenziellen Konkurrenten, dem einstigen Vize der Postgewerkschaft, Michael Sommer, verhalf er nach der Verdi-Gründung zum Chefposten beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) - seither gibt es keinen mehr, der ihm intern ernsthaft gefährlich werden könnte. "Bsirske ist Verdi, und Verdi ist Bsirske, so einfach ist das", sagt ein hochrangiger Verdi-Funktionär.

Das ist umso erstaunlicher, als die Bilanz des Verdi-Primus im Kerngeschäft nicht eben beeindruckend ausfällt. Trotz heftiger Streiks musste er etwa 2006 eine Verlängerung der Arbeitszeiten bei den Beschäftigten der Bundesländer hinnehmen. Die Deutsche Telekom zeigte sich ein Jahr später unbeeindruckt von der Kampfkraft der Verdi-Truppen und gliederte rund 50.000 Mitarbeiter (mit längerer Arbeitszeit und geringerem Verdienst) in eine Servicegesellschaft aus. Zeitgleich mussten die bei Bsirske organisierten Ärzte mitansehen, wie der Marburger Bund deutlich höhere Gehaltszuschläge aushandelte als Verdi.

Seither erlebt Bsirskes Gewerkschaft ständig, dass Mitglieder zur Konkurrenz wechseln - oder sich gleich ganze Berufsgruppen abspalten und sich mit eigenen Kampfverbänden verselbstständigen.

Nachdem etwa die Gewerkschaft der Lokführer vor drei Jahren ein zweistelliges Gehaltsplus erstreikt hatte, liefen zahlreiche Busfahrer zu den Eisenbahnern über. Die Interessenvertretung der bisher bei Verdi organisierten Feuerwehrleute hat die Gründung einer eigenen Gewerkschaft angekündigt.

Gerade die Abspaltung der Versicherungsfraktion zeigt, warum Verdi so anfällig geworden ist. Es ist die Mischung aus frustrierenden Tarifergebnissen, operativer Schwäche und verdiinternen Machtkämpfen, die zum Bruch führte. Gerieben haben sich die Gründer der Neuen Assekuranzgewerkschaft vor allem an dem für die Betreuung der Finanzdienstleistungsindustrie zuständigen Spitzenfunktionär Uwe Foullong.

Der Verdi-Vorstand und Commerzbank-Aufsichtsrat machte als Verhandlungsführer bei den Tarifrunden aus Sicht seiner Kritiker keine glückliche Figur. Die Gehaltssteigerungen waren mager, die Laufzeiten der Tarifverträge lang. Und obwohl es den Assekuranzfirmen vergleichsweise gut geht, ließ er sich auf Niedriglohngruppen mit Stundenlöhnen von weniger als zehn Euro ein.

Die Zahl der Mitglieder im Finanzsektor sank unter Foullongs Ägide, der den Fachbereich seit 2001 koordinierte und seit 2004 leitete, um mehr als ein Viertel und damit stärker als in den meisten Verdi-Fachgruppen. "Verdi hat nur noch 10 Prozent der Versicherungsangestellten hinter sich und ist nicht mehr mächtig genug, um Druck auf die Konzerne auszuüben", sagt Marco Nörenberg, NAG-Gründer und Konzernbetriebsratschef der Ergo.

Foullong, der Ende der 70er Jahre bei der damals gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft gelernt und anschließend in der HBV Karriere gemacht hatte, konnte mit der von einstigen DAG-Mitgliedern dominierten Versicherungsgruppe wenig anfangen. Mit dem im vergangenen Herbst in den Ruhestand gewechselten Bundesfachgruppenleiter Richard Sommer lag er im Dauerclinch. Gleichzeitig erodierte der Apparat. Von den sechs Gewerkschaftssekretären, mit denen der Assekuranzbereich beim Verdi-Start besetzt war, ist nur noch einer übrig - und auch der arbeitet nur noch in Teilzeit. Zuletzt kündigte Ende 2010 der in mehreren Aufsichtsräten der Allianz vertretene Frank Lehmhagen.

Der Streit entzündete sich auch am Geld. Um jeden Cent wurde gefeilscht - selbst wenn es um die Unterstützung von Protesten ging. Als etwa 2005 die Mitarbeiter der damaligen Hamburg-Mannheimer vor die Düsseldorfer Zentrale des Mutterkonzerns Ergo ziehen und gegen die Schließungen von Standorten demonstrieren wollten, mussten die Betriebsräte lange um das Okay der Verdi-Zentrale ringen. Für die Kosten kamen Mitarbeiter und Belegschaftsvertreter schließlich größtenteils selbst auf.

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