Donnerstag, 15. November 2018

Internet Die Murks-Brothers

Internet: Die Geschäftspartner der Samwer-Brüder
Dieter Mayr

2. Teil: Der Leitwolf

Wie bei jedem Rudel, berichten Brancheninsider, gebe es auch bei den Samwers einen Leitwolf: Oliver, den mittleren der drei. Marc, der Älteste, besitze zwar das einnehmendste Wesen und das charmanteste Lächeln, habe aber intern wenig zu sagen. Alexander wiederum sei der schärfste Analytiker, allerdings deutlich introvertierter als seine Brüder.

Alle drei wuchsen als Söhne eines Anwalts in Köln auf und besuchten das altsprachliche Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Es wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, wie sich der unbändige Siegeswille der Samwer-Kinder in diese behütete Mittelschichtsumgebung hineinmendeln konnte. Bereits mit Beginn der Oberstufe verkündete Oliver Schulfreunden seinen Lebensplan: Das beste Abi des Jahrgangs machen, dann BWL studieren an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU). Das mit den Frauen hingegen müsse zurückstehen, bis die Karriere eingetütet sei.

Inzwischen hat Oliver Samwer seinen WHU-Abschluss längst hinter sich, hat sich im Praktikum bei McKinsey ebenso gelangweilt wie bei Sal. Oppenheim, hat Firmen und eine Familie gegründet, ist erst nach Berlin und dann gen München gezogen und hat es 2010 zusammen mit seinen Brüdern in die Reichstenliste des manager magazins geschafft (Platz 301, 350 Millionen Euro). Dieses Jahr dürften es schon wieder einige Dutzend Millionen mehr sein.

Jetzt sitzt der Leitwolf also in der Bar des "Charles" und bestellt - nichts.

Herr Samwer, was motiviert Sie und Ihre Brüder noch?

Oliver Samwer erzählt, dass er mit seinen Gründungen Marktführer aufbauen wolle, dabei helfen wolle, Deutschland zu einem wichtigen Internetstandort zu machen. "In der Branche gibt es viele, die ein, zwei erfolgreiche Unternehmen gegründet haben. Da kann man noch sagen: Glück gehabt. Wir hingegen waren mittlerweile an einem Dutzend erfolgreicher Gründungen und ebenso vielen Exits beteiligt." Das hat in den Augen der Samwers mit Glück so wenig zu tun wie der seit Jahrzehnten währende Erfolg von Unternehmen wie McKinsey.

Wie bei McKinsey sieht es in der Leitstelle des Samwer-Imperiums nicht aus. Die Rocket Internet GmbH wirkt eher wie eine jener unzähligen Berliner Online-Buden, in denen viel geduzt wird und wenig verdient: ein verwinkeltes Gründerzeitfabrikgebäude in Prenzlauer Berg, vollgepfropft mit Schreibtischen und Flachbildschirmen. Auf dem Boden leere Kartons, in der Kaffeeküche leere Proseccoflaschen. Start-up-Folklore.

Doch der schäbige Schein trügt. Die Rocket Internet GmbH hat nichts zu tun mit dem kreativen Elend der digitalen Boheme. Hier geht es ums Reichwerden.

Jeden Freitagnachmittag schaltet sich Rocket-Chef Christian Weiß in einer Telefonkonferenz mit seinen Geschäftsführerkollegen und den Samwer-Brüdern zusammen. In einem schnellen Schlagabtausch werden Ideen ausgetauscht: Wer hat in seinem Netzwerk von einem interessanten Start-up gehört, dessen Konzept sich auf Deutschland übertragen ließe? Von welchen Online-Trends hat man in den einschlägigen Blogs gelesen?

Wenn die Runde glaubt, eine neue Geschäftsidee zu erspähen, stellt Weiß aus den rund 80 Rocket-Mitarbeitern sogleich ein Projektteam zusammen: Einige Programmierer und Online-Marketingexperten, geführt von sogenannten "Entrepreneurs in Residence": Endzwanzigern, frisch von der Uni oder mit einigen Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung. Sie lockt die Perspektive, als Geschäftsführer in einem neuen Samwer-Start-up nach einigen Monaten Firmenanteile zu erhalten und beim Exit auf einen Schlag Millionär zu werden.

Diesen Traum hatten auch Sebastian Jost und Albert Schwarzmeier, die 2009 als Entrepreneurs in Residence zu Rocket kamen. Nach einigen Monaten wurden die beiden auf das damals wichtigste Rocket-Projekt angesetzt: den Aufbau von Citydeal, ein Klon des brandneuen US-Start-ups Groupon. Bei Citydeal wie beim Vorbild Groupon offerieren Unternehmen Mengenrabatte, falls sich eine Mindestzahl von Nutzern für ein bestimmtes Produkt begeistert, zum Beispiel fünf Kinogutscheine für 24 statt 48 Euro.

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