Freitag, 30. September 2016

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Netzwerke Die geheimen Machtzirkel der Manager

Fotostrecke: Die wichtigsten Netzwerke der deutschen Wirtschaftselite
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Neil Shrubb

Ob Karriereturbo, Kungelrunde oder lockerer Plausch: Geheime Machtzirkel der Wirtschaftselite erleben eine wundersame Renaissance. Ein Blick in die Hinterzimmer der neuen Deutschland AG.

Prosperierende Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Zuwachs angelegt sind. So konnte denn das konspirative Kollektiv, das sich am 20. November 2010 in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden einfand, einen Novizen begrüßen. Es handelte sich um einen gewissen Marijn Emmanuel Johannes Dekkers (53). Der Niederländer führt seit Oktober unter großer Beachtung der Konzern-Community den Chemie- und Pharmariesen Bayer.

Eine offizielle Verlautbarung über den Neuzugang wird es nicht geben. Die Runde ist derart diskret, dass die Beteiligten deren Existenz am liebsten mannhaft leugnen würden. Trotzdem soll hier dezidiert auf die extraordinäre Bedeutung des Kreises hingewiesen werden, die man gemeinhin mit einem Begriff aus dem Edelsteingenre umschreibt: hochkarätig.

So zählen folgende Dax-Chefs dazu: Johannes Teyssen (51, Eon Börsen-Chart zeigen), Frank Appel (49, Post), Martin Blessing (47, Commerzbank Börsen-Chart zeigen), Kasper Rorsted (48, Henkel Börsen-Chart zeigen). So sind folgende Großkaliber dabei: Hartmut Ostrowski (52, Bertelsmann-Chef), Oliver Bäte (45, Vorstand Allianz Börsen-Chart zeigen), Günther Jauch (54, TV-Eminenz), Oliver Bierhoff (42, Fußballmanager). So rundet das Gremium folgender Unternehmsberater ab: der Kölner McKinsey-Direktor Klaus Behrenbeck (43).

Die Geheimniskrämerei speist sich aus der Tatsache, dass Gemeinschaften auf diesem Niveau nun mal per definitionem auf Schweigen beruhen. Die Herrschaften sind gern unter sich und einander genug. Nur so können sie interdisziplinär und diszipliniert besprechen, was die Öffentlichkeit nichts angeht, aber gleichwohl bewegt. Schließlich repräsentieren sie rund 280 Milliarden Euro Umsatz sowie zig Millionen Fernsehzuschauer und Fußballfans.

Ein mächtiges, streng vertrauliches Stück Deutschland.

Bruderschaften blühen im Verborgenen

Es ist dies vielleicht die herausragendste, aber keineswegs die einzige jener diskreten Bruderschaften, die im Verborgenen blühen. "Der Trend zum Netzwerken verstärkt sich", hat Bosch-Lenker Franz Fehrenbach (61) festgestellt. Und Roland-Berger-Aufsichtsratschef Burkhard Schwenker (52) spricht von einer "Renaissance des Netzwerkgedankens".

Schon hetzen Sozio- und Politologen den "Homo dictyous" - den vernetzten Menschen -, durch ihre Fachpublikationen, der den eigennützigen "Homo oeconomicus" ersetzt, das beherrschende Rollenbild des 20. Jahrhunderts.

Kein Wunder, dass sich Internetplattformen wie CAPup ("Der online-Club für Entscheider") oder die vom manager magazin initiierte manager-lounge regen Zulaufs erfreuen. Auch offline hat eine neue Dynamik die Netzwelt ergriffen. Ob als Karriereturbo, Debattierklub oder spontane Initiative zum Wohle der Nation: die Wirtschaftselite setzt sich zusammen und tauscht sich aus.

Aber anders als früher - und ganz anders als jenseits der Grenzen.

Im Ausland steht die Beziehungspflege oft auf festem institutionellem Boden. Enarchen oder Etonians helfen einander ein Managerleben lang und geben das auch offen zu. Hierzulande hingegen verbreiten sich mehr und mehr informelle, ja intime Formen des Umgangs.

Topeinflüsterer von Topmanagern raunen von einem "Rückzug in die Privatheit". Der persönliche Kontakt ist entscheidend. Wer kann mit wem? Wer passt zu wem? Und es geht erratischer zu, der rasenden Globalisierung und sinkenden Verweildauer von Vorständen geschuldet. Wer heute dazugehört, kann in wenigen Jahren schon wieder draußen sein, bis sich für ihn in anderer Position erneut die Türen öffnen.

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