Freitag, 14. Dezember 2018

Netzwerke Die geheimen Machtzirkel der Manager

Fotostrecke: Die wichtigsten Netzwerke der deutschen Wirtschaftselite
Neil Shrubb

2. Teil: Men geht auf Pirsch, ins Fußballstadion - oder kraxelt auf die Gipfel

"Die alten Netzwerke funktionierten auf der Basis gemeinsamer Werteüberzeugungen", sagt Lars Zimmermann, Vorstandssprecher der "Stiftung Neue Verantwortung" und Netzwerkexperte. "Diese Bindungskraft hat nachgelassen, heute dominiert der Pragmatismus."

So trifft sich denn ganz pragmatisch ein exklusiver Zirkel in wechselnder Zusammensetzung auf Schloss Berchtesgaden, bei Franz Herzog von Bayern. Ex-BASF-Chef Jürgen Strube (71), Ex-Commerzbanker Klaus-Peter Müller (66), der Münchener Erzbischof Reinhard Marx (57) oder andere inspirierende Geistesgrößen grübeln dann ein Wochenende lang über diesem und jenem. Eine fest umrissene Agenda gibt es nicht. Nach draußen dringen soll erst recht nichts.

Haben wir es hier mit notorischen Verschwörern oder Sektierern zu tun? Mit Machtansammlungen am Rande der Demokratie? Mit geschlossenen Gesellschaften auf jeden Fall. Schließlich darf nicht jeder rein. Und wer keinen Zutritt hat, verpasst womöglich den nächsten Karriereschritt, den nächsten politischen Vorstoß oder auch nur Gedanken- und Gaumenkitzel.

Es ist wie im richtigen Leben: So manche vertrauliche Verbindung fußt auf gemeinsamen Freizeiterlebnissen. Man geht auf die Pirsch, ins Fußballstadion - oder kraxelt auf Südtiroler Gipfel.

Die klassische Seilschaft der Similauner, die nun schon im 19. Jahr auf schmalem Grat wandelt, wird derzeit reloaded, sprich: ein wenig verjüngt.

Mehr als ein Dutzend Topmanager haben sich zum gemeinschaftlichen Klettern und Konferieren zusammengefunden. Viele, die Rang und Namen haben im deutschen Wirtschaftsestablishment. Leute wie der frühere Lufthansa-Chef Jürgen Weber (69), Linde-Lenker Wolfgang Reitzle (61) oder BASF-Anführer Jürgen Hambrecht (64).

Die Geburtsstunde der Similauner

Erfunden haben zwei Extremdenker diese Runde: Berufsbergfex Reinhold Messner (66) und McKinsey-Veteran Herbert Henzler (69). Damals, anno 1992, als die beiden am Chimborazo, auf den Spuren Alexander von Humboldts, eingeschneit waren.

Henzler besorgte nach und nach das Personal, und Messner führt die Truppe fachkundig von Höhe zu Höhe. Am Nachwuchs mangelt es nicht, ein bis zwei Anfragen kommen pro Jahr.

Nicht jeder ist willkommen. Wer aufgenommen werden will, braucht die Zustimmung aller. Bei den Jungsimilaunern Klaus Kleinfeld (53, Alcoa Börsen-Chart zeigen) und Herbert Hainer (56, Adidas Börsen-Chart zeigen), die den Altersdurchschnitt der Bergvagabunden deutlich senken, gab es keinerlei Bedenken.

Die Verjüngung ist schon deshalb angeraten, weil die Touren durchaus anspruchsvoll sind. Heuer war ein sogenannter schwarzer Klettersteig dabei, die schwierigste Kategorie in den Alpen. Da sorgten sich die Gefährten schon, "dass da mal einer abschmiert".

Bislang war die Furcht unbegründet. Einzig prekäres Vorkommnis: Ex-Daimler-Pferdestärke Jürgen Schrempp (66) musste einst mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden, weil sein Kreislauf schwächelte; seitdem kommt er seltener.

Neben der Höhenluft reizt die Similauner die innige Kameradschaft: Man duzt sich seit dem ersten Tag; jeden kann man zu jedem setzen; abends, auf der Hütte, wird gesungen, dass sich die Tannenzapfen biegen. Nur unmittelbar vor dem Aufstieg sei jeder in sich versunken - "aus Respekt vor dem Berg", wie ein In-sich-Versunkener berichtet.

Verbunden wird die Kletterpartie meist mit einem Vortrag. Jeder referiert aus seinem Genre: Weber erklärt, warum die Luftfahrt seit Jahren kein richtiges Geld verdient hat; Hainer spricht über den Adidas-Erfolg im Ausland.

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