Sonntag, 20. Januar 2019

Migranten Neues Deutschland

Migranten: Einwanderer in Spitzenpositionen
Thomas Rabsch

Was in der Integrationsdebatte übersehen wird: Zuwanderer sind dynamischer und risikofreudiger. Mehr davon täte den Firmen gut. Wie integrationsfähig die deutsche Wirtschaft ist und wer es tatsächlich in Spitzenpositionen schafft, zeigt folgender Überblick.

Beim Paketesortieren ist das so, erklärt Herr Liu: Ganz vorn, wo mit Wucht ein Erdrutsch aus Paketen aufs Band schlägt, stehen die Neulinge. Je weiter das Band läuft, desto mehr Pakete sind weg, es wird ruhiger. Ganz hinten, wo aus dem Erdrutsch ein behäbiges Rinnsal geworden ist, arbeiten die alten Hasen. Es ist der beste Platz, und nach vielen Monaten als Paketsortierer bei UPS in Köln-Ossendorf war es Lius Platz.

20 Jahre ist das her, in China war der Volksaufstand gescheitert, viele Studenten wollten weg, Liu auch. Mit abgebrochenem Studium und schmalen 300 Mark landete er im frisch vereinigten Deutschland, kellnerte im Restaurant "Lotos" und jobbte bei UPS Börsen-Chart zeigen, um sich sein neues Studium hier zu finanzieren. Pädagogik, Politikwissenschaften, Anglistik, nicht gerade ein Karriereturbo, und Deutsch konnte er auch nicht.

"Ich hatte keinen festen Plan", sagt Liu und zeigt sein verbindliches Lächeln. "Nur die Devise: Mach das, was dir in die Hand fällt, so gut wie irgend möglich. Irgendwann wird dich dieser Weg zum Erfolg führen." Das bewährte sich bei UPS, und es bewährte sich in seiner Blitzkarriere bei Bayer: 14 Jahre später wird Zhengrong Liu (42) Personalleiter der von Bayer Börsen-Chart zeigen abgespaltenen Chemiefirma Lanxess Börsen-Chart zeigen, der einzige Chinese im Topmanagement eines deutschen Konzerns.

Man darf getrost davon ausgehen, dass Thilo Sarrazin nicht Menschen wie Liu vor Augen hatte, als er sein Buch "Deutschland schafft sich ab" schrieb. Trotzdem ist Liu einer von denen, um die seit Monaten zwei Debatten in der Republik toben. Die eine dreht sich um Integration (die in Teilen misslungen ist), die andere um die Frage, wie die boomende Wirtschaft künftig ausreichend Fachkräfte findet.

Schweres Geschütz wurde auf beiden Seiten aufgefahren: Das Land brauche keine Migranten "aus anderen Kulturkreisen" mehr, tönte der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. Ohne massive Zuwanderung werde Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückfallen, halten Experten dagegen. Selbst im Krisenjahr 2009 entgingen der Wirtschaft 15 Milliarden Euro, weil Fachkräfte fehlten. "Anders als in den 90ern, als humanitäre Motive dominierten, rückt der ökonomische Aspekt der Migration immer mehr in den Vordergrund", sagt der Soziologe Steffen Kröhnert, Koautor der Integrationsstudie "Ungenutzte Potenziale".

Rund 16 Millionen Menschen aus anderen Staaten (oder deren Nachkommen) leben derzeit im Land - fast jeder fünfte Einwohner hat einen "Migrationshintergrund", wie das auf Bürokratisch heißt; viele sind schon in der zweiten oder dritten Generation hier. Die Situation ist also nicht wirklich neu, "doch durch die Wirtschaftskrise wurde sie für einige Jahre ausgeblendet", wie Maria Böhmer sagt, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Nun drängt sie mit voller Wucht zurück auf die Agenda, ausgelöst von einem Ex-Bundesbanker mit Hornbrille und einem mephistophelischen Gespür für Volkes Stimme und Sinne.

Es geht um Kosten: Mit bis zu 15 Milliarden Euro jährlich schlägt misslungene Integration laut Bertelsmann Stiftung zu Buche. Es geht um Nutzen: Hundert Euro müsste jeder Deutsche mehr Steuern zahlen, gäbe es die Migranten im Land nicht.

Aber es geht auch um dringend benötigte Talente, Erfolgsgeschichten: Menschen mit Migrationshintergrund sind aus allen gesellschaftlichen Bereichen nicht mehr wegzudenken: Özil und Khedira im Fußball, Bushido im Rap; in Politik, Wissenschaft und auch Wirtschaft: Ob Nedim Cen, Chef von Q-Cells; Francesco De Meo, CEO der Helios Kliniken, oder die Griechen Christos Ramnialis (Vice President Vertrieb bei MTU, einer Tognum-Tochter) und Loukas Rizos, Kapitalmarktvorstand bei der BHF-Bank - zahlreiche Migranten besetzen Managementposten.

In einer Umfrage unter türkischstämmigen Akademikern etwa zeigte sich, dass fast 38 Prozent eine Führungsposition innehaben.

© manager magazin 12/2010
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