Sonntag, 9. Dezember 2018

Einzelhandel Jugendweihe bei Schlecker

Gehen künftig mehr nach draußen: Gründerkinder Meike und Lars Schlecker
Benno Kraehahn
Gehen künftig mehr nach draußen: Gründerkinder Meike und Lars Schlecker

5. Teil: Zu den Finanzen schweigt die Familie

Während dm und Rossmann noch immer expandieren und im stark besetzten deutschen Markt ordentliche Gewinne erwirtschaften, machte Schlecker in den vergangenen drei Jahren vermutlich immer ärgere Verluste; man spricht von 50 (2007) bis 90 (2009) Millionen Euro pro Jahr. Um das Eigenkapital zu erhalten, das Ende 2008 (in der letzten veröffentlichten Bilanz) immer noch respektable 393 Millionen Euro - knapp 30 Prozent der Bilanzsumme - betrug, schoss die Familie wohl Geld aus dem Privatvermögen ein. Auch Ihr Platz schreibt Verluste.

Noch immer nimmt die von Anton Schlecker als Einzelkaufmann betriebene Firma keine Kreditinstitute in Anspruch. "Wir sind gottfroh, dass wir nicht auf Banken angewiesen sind", bekennt Lars Schlecker. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das Unternehmen in der heutigen Lage Darlehen zu vertretbaren Konditionen bekäme.

Mitte 2010 warnten Branchenkenner, Schlecker steuere womöglich auf eine Liquiditätslücke zu. Ausbleibende Sanierungserfolge und geringere Wohltaten der Industrie könnten die Drogeriekette im ersten Quartal 2011 in die Klemme bringen. Zu den Finanzen schweigt die Familie.

Ein mögliches Indiz für Sparzwänge: In den vergangenen Monaten taten sich zunehmende Lücken in den Regalen auf. Wenn es nicht reine Logistikprobleme waren, geizte Schlecker offenbar bei den Nachbestellungen. Beides wäre gleichermaßen schädlich fürs Geschäft.

Anscheinend hat die Familie die Dramatik der Situation ebenfalls erkannt. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich bei Schlecker nach den Halbherzigkeiten der vergangenen Jahre nun endlich Grundlegendes tun soll. Dazu passt, dass die jüngere Generation an Einfluss gewinnt.

Beide Kinder hatte es zunächst aus der schwäbischen Provinz fortgezogen. Sie durchliefen hervorragende Ausbildungen: Meike besuchte die Business School in Barcelona, Lars die Steinbeis-Hochschule in Berlin. In der Hauptstadt lebte Lars auch lange, kümmerte sich in den vergangenen Jahren vor allem um den Online-Handel von Schlecker. Meike war in London mit einem Investmentbanker verheiratet.

Nun aber lassen sie sich in die Pflicht nehmen, das Werk ihres Vaters fortzuführen. Die Kinder waren es, die den Anstoß dazu gaben, Berater zu engagieren.

Mit Norbert Wieselhuber (61), den der Senior schon länger kennt, und dem bei der Consultingfirma für Handel zuständigen Timo Renz (42) fand die Familie schnell eine Gesprächsbasis. Im Mai 2010 fiel die Entscheidung für Wieselhuber, im Juni fand das Kick-off-Meeting von Beratern und Schlecker-Leitenden statt.

Als Ergebnis will Schlecker eine wirkliche Zwei-Marken-Strategie fahren: Mit Ihr Platz als Premium- und Schlecker als Basislabel.

Das heißt freilich auch künftig nicht, dass alle Schlecker-Filialen gleich aussehen werden. Es wird nach wie vor große und kleine Läden geben, und auch das Warenangebot wird sich unterscheiden - abgesehen von einem einheitlichen Grundsortiment von 70 bis 80 Prozent der Artikel. Um dieses Basisangebot herum werden je nach örtlichem Umfeld weitere Sortimentsmodule gruppiert.

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