Samstag, 21. Juli 2018

Deutsche Bahn Grube 21

Zwischen Minister und Mentor: Rüdiger Grube fährt auf eingefahrenen Gleisen
Fotos
Andrej Glusgold

Heute fällt Heiner Geißler seinen Schlichterspruch über das Bauprojekt "Stuttgart 21". Für Bahn-Chef Rüdiger Grube steht viel auf dem Spiel: Fast sein ganzes Berufsleben hat er im Schatten anderer gewirkt, doch beim Reizprojekt "Stuttgart 21" zeigt er Profil. Es könnte sein Verhängnis werden.

Er ballt die Fäuste, dann spreizt er die Finger und gerät ins Schwärmen: Rüdiger Grube (59) gibt alles, wenn er für das Bahnprojekt "Stuttgart 21" wirbt. Er beschwört die "einmalige Chance, hier ein Leuchtturmprojekt zu realisieren", visioniert von einer Stadt, "in der es kein Dach gibt, auf dem nicht Bäume wachsen" - bis ihm ein kleines, ratloses Schulterzucken in die Aufbruchgestik fährt.

Der Bahn-Chef wirkt irritiert. So viel Widerwillen gegen ein Bauprojekt, das ja tatsächlich auch Vorzüge besitzt, hat er nicht erwartet. Noch mehr aber scheint ihn sein jäher Rollenwechsel zu verwirren. War er nicht eben noch der gute Geist der Deutschen Bahn, das nette Kontrastprogramm zum Schienen-Rambo Hartmut Mehdorn? Plötzlich steht er da wie einer, der den Schwaben die Spätzle wegnehmen will.

Sogar ein gestörtes Verhältnis zum Grundgesetz musste er sich schon nachsagen lassen, weil er kundtat, gegen rechtskräftig beschlossene Verkehrsprojekte wie " Stuttgart 21" gebe es kein Widerstandsrecht.

Das Reizprojekt im Südwesten führt Grube an Grenzen - als Manager und als Mensch. Es wirft Fragen auf, die in den ersten anderthalb Jahren seiner Regentschaft bei der Bahn merkwürdigerweise kaum gestellt wurden: Wer sitzt da eigentlich auf dem Chefposten dieses Wirtschafts- und Politbetriebs? Hat er wirklich das Zeug zu dieser Managementaufgabe - die wohl heikelste, die das Land zu bieten hat?

Zweifel an seiner Qualifikation hat Rüdiger Grube einfach weggelächelt, wegcharmiert, weggeschmeichelt. Schon in seiner allerersten Rede lobte er die Mitarbeiter und Pensionäre, als berichte er von einem Erweckungserlebnis.

So ging es weiter. Er schüttelte Tausende Hände, empfing Bahn-Kritiker, entschuldigte sich für die schlechten Beziehungen zum Verkehrsausschuss in den zurückliegenden Jahren. Dankbar attestieren die Parlamentarier ihm einen "gelungenen Start".

Grube ist ein Euphoriker erster Güte. "Ich sage immer", sagt er immer, "wer nicht selbst begeistert ist, wird auch Menschen nicht begeistern können."

Sein zuweilen penetrantes Lob aller überdeckt eine gewisse Konturlosigkeit. Die eigentliche Person bleibt unscharf. Sein Gesicht hat nichts Markantes ausgebildet. Auffallend allenfalls seine grau-grünen Augen, die vorsichtig zu taxieren scheinen.

Am meisten bewirkt Rüdiger Grube mit seiner Rhetorik. Er redet betont schnell. Nie geschliffen, aber immer effektvoll, mit vielen Beteuerungen seiner Lauterkeit: "Ich sage Ihnen offen" oder "Da will ich ganz ehrlich sein". Und er doziert gern; leitet mit einem "Sie müssen wissen, dass ..." kleine Referate ein, die mal kenntnis-, mal vor allem wortreich sind.

Das Referieren erinnert an die prägenden Jahre seiner Karriere. Groß wurde der promovierte Ingenieur als Zuarbeiter und Gefolgsmann zweier Kraftnaturen: Hartmut Mehdorn und Jürgen Schrempp. Bei Mehdorn, damals Chef von Airbus Deutschland, stieg Grube 1990 als Büroleiter ein. Es wuchs eine Freundschaft, die bis heute hält.

© manager magazin 11/2010
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