Dienstag, 23. Januar 2018

Risikomanagement Nichts ist unmöglich

Wohin mit dem Geld: Bei Risiken und Nebenwirkungen hilft Nachdenken
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Corbis

Inflation oder Deflation, Boom oder Crash, an den Finanzmärkten ist derzeit alles möglich. Deutschlands Anleger sind daher verunsichert. Viele von ihnen flüchten in Gold. Doch selbst das kann schiefgehen: Die alten ökonomischen Regeln gelten nicht mehr.

Manche Anleger, beobachtet Vermögensverwalter Thomas Buckard, setzen jetzt alles auf Gold: "Sicherheitsfanatiker bestehen auf Barren und Münzen, sie wollen das Edelmetall anfassen", sagt der Vorstand der Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen in Wuppertal, "dieser Drang steigt proportional mit dem Alter."

Deutschlands Anleger sind tief verunsichert. Kommt die Inflation oder doch eher Deflation? Hält der Aufschwung, oder droht doch noch ein Crash? Ist der Euro Börsen-Chart zeigen am Ende, oder fällt jetzt der Dollar Börsen-Chart zeigen ins Bodenlose? Ist Griechenland gerettet, oder geht irgendwann auch noch Deutschland pleite? Und was heißt das alles für die Anlageentscheidungen - mehr Aktien oder doch Staatsanleihen? Flucht ins Gold Börsen-Chart zeigen oder in Immobilien? Cash halten oder wagemutig die niedrigen Zinsen nutzen und billige Kredite aufnehmen? Wie rettet man sein Vermögen durch solch turbulente Zeiten?

Von den Profis des Risikomanagements ist zurzeit keine gültige Antwort zu erwarten - die haben Denkpause. Über dem Berechnen von Volatilitäten und Korrelationen bis in die fünfte Nachkommastelle waren ihnen die großen Risiken völlig entgangen, die in den komplexen Finanzprodukten mit den optimistischen "Triple A"-Ratings steckten. Die Finanzkrise führte das Versagen der Zunft drastisch vor, und seitdem steckt das Risikomanagement in der Krise.

Dies gilt auch für den Bereich der Geldanlage. Hier setzen die Profis seit Jahrzehnten auf die Gedanken der Modernen Portfoliotheorie von Harry Markowitz. Sie basiert auf zwei Thesen: Erstens ist das Risiko eines Wertpapierdepots nicht identisch mit dem durchschnittlichen Risiko der im Depot enthaltenen Einzelwerte - ein breit gestreutes Portfolio mit möglichst gering korrelierten Wertentwicklungen schützt also vor Einbrüchen. Und zweitens korreliert das Risiko einer Anlage - ausgedrückt in der Volatilität des Kurses - mit der Chance, die darin steckt.

Seit den 50er Jahren basierten die Empfehlungen von Vermögensverwaltern und Finanzberatern auf diesen Überlegungen. Sie kalkulierten aufgrund der historischen Kursschwankungen - der Volatilität - das Risiko einer einzelnen Anlage und rechneten dann gegenläufige Risiken auf. Heraus kam eine Risikokennziffer für das Portfolio.

Diese Kennziffern sind heute Makulatur. In Sachen Risiko hilft heute kein Nachrechnen mehr, jetzt gilt es nachzudenken. "Die festen Korrelationen sind zusammengebrochen, die alten ökonomischen Regeln gelten nicht mehr", sagt Reinhard Panse, Chief Investment Officer bei der Vermögensverwaltung UBS Sauerborn, "deshalb funktionieren die Portfoliomodelle nicht mehr."

Galt zum Beispiel noch bis vor Kurzem, dass bei fallendem Zinsniveau die Aktienkurse stiegen, bewegen sich heute beide Faktoren parallel. Und folgte früher der Ölpreis der Konjunktur, läuft er heute schon mal diametral entgegengesetzt: etwa 2008, als der Ölpreis auf 140 Dollar pro Barrel hinaufschoss, obwohl parallel dazu der Verbrauch konjunkturbedingt einbrach.

"Per Saldo ist unser Job schwieriger geworden, die Sicherheit der Prognosen ist heute niedriger", meint Claus Walter, Geschäftsführer der Freiburger Vermögensmanagement GmbH, "Inflation und Deflation lagen noch nie so dicht beieinander." Auslöser der großen Unsicherheit ist in den Augen seines Wuppertaler Kollegen Thomas Buckard die Niedrigzinspolitik der Notenbanken: "Weil weltweit Geld praktisch umsonst zu haben ist, ist extrem viel im Umlauf."

Banken und Hedgefonds suchen mit hohen geliehenen Summen kurzfristige Anlagechancen, bei jeder Unsicherheit werden die Investments wieder abgezogen, oft parallel und gleichzeitig aus Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Edelmetall. Die Notierungen bewegen sich dann mit hoher Korrelation, und auch der Blick auf frühere Volatilitäten hilft nicht. "Beim geringsten Krisenzeichen wird alles verkauft", beobachtet Buckard, "dann gilt Markowitz nicht mehr, die Verselbstständigung des Geldkreislaufs hebelt alles aus."

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