Freitag, 16. November 2018

Nachhaltigkeit Mehr Schein als Sein

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Der Fall BP zeigt: Unternehmen geben sich große Mühe, ökologisch und sozial zu erscheinen - mit der Wirklichkeit hat das oft nicht viel zu tun. "Greenwashing" lässt sich auch bei deutschen Unternehmen zuhauf beobachten. Ein Überblick.

Die Bankrotterklärung passte auf ein DIN-A4-Blatt. Am 1. Juni gab die Sustainable Asset Management Group (SAM) in Zürich bekannt, dass die Ölfirma BP mit sofortiger Wirkung aus dem Dow Jones Sustainability Index (DJSI) entfernt werde - wegen eines "außerordentlichen Ereignisses". Gemeint war das Ölunglück im Golf von Mexiko, die Explosion auf der Bohrplattform "Deepwater Horizon".

Der DJSI World, für den SAM die Daten erhebt, verkörpert den Goldstandard in Sachen Nachhaltigkeit. Weltweit sind 315 Unternehmen Mitglied in diesem exklusiven Klub. Sie alle können sich rühmen, zu den verantwortungsvollsten 10 Prozent in ihrer jeweiligen Branche zu zählen. Wenn SAM am 9. September die alljährliche Neuzusammensetzung des DJSI World bekannt gibt, dann werden die Börsenkurse der Neuzugänge steigen, die der Ausscheider sinken.

Doch was taugt ein Verständnis von Nachhaltigkeit, anhand dessen sich ein Katastrophenkonzern wie BP über Jahre hinweg zum grünen Vorreiter stilisieren konnte? Zumal es sich offenbar nicht bloß um eine Datenpanne bei SAM handelt. Vergleichbare Rankings anderer Anbieter führten BP ebenfalls ganz oben.

"Der Fall BP bedeutet für die Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen einen ähnlichen Einschnitt wie der Fall Enron für den Umgang mit Finanzkennzahlen", sagt Gregor Wöltje, auf Nachhaltigkeitsthemen spezialisierter Unternehmensberater in München. "Danach darf es kein 'Weiter so' geben."

Die Explosion auf der "Deepwater Horizon" legte nicht nur die Machbarkeitsfantasien der Ölindustrie bloß, sondern auch jenes fehlgeleitete Verständnis von Nachhaltigkeit, das sich in den vergangenen Jahren in vielen Konzernen eingebürgert hat und das sich überspitzt so beschreiben lässt: Starte möglichst viele Projekte, die dein Unternehmen verantwortungsbewusst gegenüber Umwelt, Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft dastehen lassen. Rede möglichst laut über diese Aktivitäten. Sorge dafür, dass dein Unternehmen in den entsprechenden Rankings gut dasteht. Treibe mit dem Image der Nachhaltigkeit deinen Aktienkurs nach oben.

Aber lasse auf keinen Fall zu, dass der ganze Öko- und Sozialklimbim deine Profitabilität beeinträchtigt!

"Nachhaltigkeitsmanagement definiert sich zu häufig über dekorative Einzelmaßnahmen, die sich der Öffentlichkeit gut verkaufen lassen", kritisiert Arved Lüth, Chef der Nachhaltigkeits-Unternehmensberatung Response in Frankfurt. "Oft fehlt die nötige Entschlossenheit, um Nachhaltigkeit ins Kerngeschäft zu integrieren."

So auch im Fall BP. Systematisch hatte sich der Konzern ab 1995 unter Vorstandschef John Browne und ab 2007 unter dessen Nachfolger Tony Hayward ein grünes Image erarbeitet. Statt für "British Petroleum" sollte BP fortan für "Beyond Petroleum" stehen, für "Jenseits des Öls". BP montierte Solarzellen auf die Dächer seiner Tankstellen. Das Firmenlogo in Form eines trutzigen Ritterschilds wich einer grün-gelben Blüte. In Deutschland gehörte BP zu den Mitinitiatoren der "Charta der Vielfalt", in der sich Unternehmen zum behutsamen Umgang mit Frauen, Migranten und Homosexuellen in ihrer Belegschaft verpflichten.

Die Sicherheit, so schien es, nahm der Konzern wichtiger denn je: In BP-Bürogebäuden hingen nun Schilder, die Mitarbeiter aufforderten, beim Gehen keinen Kaffee zu trinken (Verbrühungsgefahr) und beim Treppensteigen das Geländer anzufassen (Stolpergefahr).

BP verlegte seine Energie darauf, sich in der Öffentlichkeit als verantwortungsbewusstes Unternehmen darzustellen - und verlor darüber die Nachhaltigkeit in seinem Kerngeschäft aus den Augen. Mehr als eine halbe Million Liter Öl flossen aus dem Leck einer schlecht gewarteten BP-Pipeline in Alaska ins Erdreich. 15 Arbeiter starben 2005 bei der Explosion in einer BP-Raffinerie in Texas. "Die Explosion wurde verursacht durch Sicherheits- und Organisationsdefizite auf allen Ebenen von BP" ergab der Untersuchungsbericht des United States Chemical Safety Board. Nach Ansicht von Yulia Reuter, Energieexpertin bei der Beratungsgesellschaft RiskMetrics, hat BP einen wesentlich schlechteren Track Record in Sachen Umweltschutz und Arbeitssicherheit als die anderen großen Ölkonzerne.

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