Donnerstag, 15. November 2018

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales "Chaos kann effizient sein"

Visionär Jimmy Wales: "Wir wollen das gesamte Wissen der Welt lexikalisch verfügbar machen - und zwar gratis und für alle"

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erklärt, was Konzerne von den Organisationsstrukturen des weltgrößten Online-Lexikons lernen können. Ein Gespräch über Chaos und Begeisterung.

mm: Herr Wales, bei Wikipedia gelingt Ihnen, wovon jeder Personalmanager träumt: Tausende von Freiwilligen arbeiten rund um die Uhr an Ihrer Online-Enzyklopädie, ohne dass Sie Ihnen einen Cent Geld bezahlen. Verraten Sie uns Ihr Motivationsgeheimnis?

Wales: Vermutlich macht vielen Menschen die Arbeit an Wikipedia einfach Spaß: Man kann sich mit klugen Zeitgenossen zu einem Fachgebiet austauschen, das einem besonders am Herzen liegt. Man kann sein Hobby, dem man jahrelang im stillen Kämmerlein gefrönt hat, mit anderen teilen. Auch der Chef des Roten Kreuzes würde Ihnen wahrscheinlich antworten: Wer mit Freiwilligen arbeitet, muss dafür sorgen, dass sie Spaß haben an ihrem Engagement.

mm: Es gibt sicher viele Freiwillige, die gern mal einen Wohltätigkeitsbasar fürs Rote Kreuz organisieren. Doch der harte Kern der Wikipedia-Mitarbeiter verbringt ganze Nächte vor dem Computer, um Artikel zu oft abseitigen Themen in mühsamer Kleinarbeit auf ihre Faktentreue zu überprüfen. Warum?

Wales: Vermutlich, weil jeder kleine Verbesserungsschritt bei Wikipedia mit einer großen Vision einhergeht: Wir wollen das gesamte Wissen der Welt lexikalisch verfügbar machen - und zwar gratis und für alle. Es begeistert Menschen, Teil einer solch großen Idee zu sein. Auch kommerzielle Unternehmen brauchen ja eine Mission, die über die reine Geldvermehrung hinausgeht, wenn sie ihre Mitarbeiter nachhaltig motivieren wollen.

mm: Wir bitten Sie! Jeder Gebrauchtwagenhändler hat doch heute ein Mission Statement, in dem er die immergleichen Sätze von Qualitätsführerschaft und Kundennutzen faselt. Das nimmt doch keiner mehr ernst.

Wales: Ja, ja, ich weiß. Am verlogensten finde ich persönlich den Satz, der in keinem typischen Mission Statement fehlen darf: "Wir schätzen die Kreativität unserer Mitarbeiter." Da müsste in jedem zweiten Unternehmen dahinter stehen: "Aber bitte nicht am Arbeitsplatz!" Und trotzdem: Es gibt Unternehmen, die ihre Mission ernst nehmen.

mm: Zum Beispiel?

Wales: Nehmen Sie die Servicequalität bei Fluggesellschaften. Ich reise zum Beispiel am liebsten mit Virgin Atlantic, weil ich da spüre: Die Flugbegleiter haben Spaß daran, ihren Passagieren die Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Man könnte es auch hochtrabender formulieren: Sie begreifen Kundenorientierung als ihre Mission.

mm: Wie hat Virgin-Gründer Richard Branson das hingekriegt?

Wales: Man muss sich eher fragen: Was machen andere Airlines falsch? Wenn ich als Flugbegleiter dafür bezahlt werde, mich mit fremden Menschen in eine Stahlröhre einsperren zu lassen, dann ist es doch eigentlich eine natürliche Regung, die Zeit miteinander so angenehm wie möglich zu verbringen. Die schlecht gelaunten Flugbegleiter haben ja auch nicht früher Feierabend. Generell glaube ich, dass Unternehmen wegmüssen von Kontroll- und Kommandostrukturen, um die intrinsische Motivation ihrer Mitarbeiter freizusetzen. Wikipedia zeigt, was da möglich ist.

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