Mittwoch, 19. Dezember 2018

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales "Chaos kann effizient sein"

Visionär Jimmy Wales: "Wir wollen das gesamte Wissen der Welt lexikalisch verfügbar machen - und zwar gratis und für alle"

2. Teil: "Dezentrale Strukturen sind nicht gleichbedeutend mit Anarchie"

mm: Sie wollen allen Ernstes das Chaos, das in den Diskussionsforen von Wikipedia herrscht, zum Vorbild für einen Großkonzern erklären?

Wales: Was Sie Chaos nennen, hat sich als hocheffizienter Weg der Qualitätssicherung herausgestellt. Falsche Informationen stehen meist nicht sehr lange bei Wikipedia, und bei strittigen Themen kann sich der Nutzer anhand der Diskussionsforen selbst eine Meinung bilden.

mm: In diesen Diskussionsforen herrscht oft ein sehr rauer Umgangston. Was daran liegen könnte, dass über 80 Prozent der Wikipedia-Autoren Männer sind. Über wen sagt dieses Übergewicht mehr aus - über Wikipedia oder über das männliche Geschlecht?

Wales: Über beide! Wir haben unter den Autoren ein Übergewicht von Menschen aus männerdominierten technischen Berufen. Ich vermute als Ursache, dass ein Ingenieur selbstverständlicher mit unserem Online-Redaktionssystem zurechtkommt als ein Literaturwissenschaftler. Wir wollen deshalb unser System so weit vereinfachen, dass auch Techniklaien problemlos bei uns schreiben und sich an Diskussionen beteiligen können. Dann gibt es da noch einen anderen Punkt, den ich aber nur halb ernst meine.

mm: Wir sind gespannt!

Wales: Die männliche Neigung zu maßloser Selbstüberschätzung ist für eine Mitarbeit bei Wikipedia sehr förderlich. Männer glauben meist, über jedes Thema Bescheid zu wissen. Eine ebenso kompetente Frau denkt häufiger: Ach, da bin ich nicht qualifiziert genug, um mich öffentlich zu äußern, also lass ich es auch.

mm: Könnte es sein, dass Wikipedia gerade männlichen Nutzern ein Gefühl von Macht vermittelt, das sie im richtigen Leben nicht haben? Wer höher in der Wikipedia-Hierarchie aufsteigt, hat ja erheblichen Einfluss auf die Inhalte.

Wales: Dagegen spricht, dass unter den normalen Wikipedia-Autoren Männer zwar die Mehrheit stellen, Frauen aber in der Hierarchie deutlich schneller vorankommen. Die Administratoren, wie bei uns die ehrenamtlichen Manager heißen, werden von den Nutzern gewählt. Um bei der Wahl eine Chance zu haben, muss man vor allem unter Beweis gestellt haben, dass man Konflikte zwischen Autoren mit gesichtswahrenden Kompromissen zu schlichten weiß. Diese Vermittlerqualitäten scheinen Frauen eher zu liegen.

mm: Na ja, es geht bei Wikipedia nicht nur um Kompromisse. Es geht auch um ausgeklügelte Strafsysteme, bis hin zu Sperren für einzelne Autoren.

Wales: Stimmt, und darin steckt wahrscheinlich eine wichtige Botschaft an Großkonzerne: Dezentrale Strukturen sind nicht gleichbedeutend mit Anarchie. Letztlich geht es bei uns zu wie in einer guten Gemeindeverwaltung: Niemand muss ins Gefängnis, weil er den Bürgermeister kritisiert. Aber die Bürger wollen auch, dass man nachts unbesorgt durch den Park gehen kann. Wer zum Beispiel immer wieder Wikipedia-Seiten mit Kraftausdrücken verunziert, muss mit Konsequenzen rechnen. Wobei die Administratoren aber lediglich die Strafen vollziehen, die die Nutzergemeinschaft verhängt. Unsere Administratoren sind Polizisten, nicht Richter.

mm: Wenn Sie so an die Segnungen dezentraler Entscheidungen glauben, warum haben sie dann als Wikipedia-Gründer noch immer redaktionelle Privilegien, die kein anderer Nutzer besitzt? Braucht man am Ende doch einen wohlwollenden Diktator?

Wales: Gott, nein! Als Diktator sehe ich mich nun wirklich nicht. Aber ansonsten eine gute Frage ... Ich nutze diese Privilegien so gut wie nie. Andererseits sehe ich es wohl letztlich doch als meine Verantwortung, dass Wikipedia weiterhin auf einem guten Weg bleibt.

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