Samstag, 17. November 2018

Energie Welt ohne Öl

Erdöl: Wie eine Ökonomie ohne Öl funktionieren könnte
Osterwalder's Art Office

Die erschlossenen Ölfelder gehen allmählich zur Neige. Seit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wird die Nutzung der Tiefseereserven in Frage gestellt. Experten fordern einen raschen Umstieg auf andere Energieträger. Funktioniert das überhaupt?

Die Herren Franz Fischer und Hans Tropsch kommen stets zu Ehren, wenn das Öl knapp wird. Die Techniker entwickelten 1925 am Kaiser-Wilhelm-Institut in Mülheim an der Ruhr ein Verfahren, das Kohle in Gas verwandelt - aus schwarzem Staub werden so Benzin und Chemierohstoff.

Im Zweiten Weltkrieg hielten die Deutschen damit ihre Militärmaschine in Gang. In den 50er Jahren produzierte das von der Völkergemeinschaft boykottierte Apartheidregime in Südafrika mithilfe der deutschen Technik Benzin. In der DDR fuhren Trabis bis in die 60er Jahre mit verflüssigter Braunkohle, weil Devisen für Spritimporte fehlten.

Viele Jahrzehnte lang galt das Fischer-Tropsch-Verfahren nur noch als Kuriosum. Doch das ändert sich gerade.

In den USA wird eine Kohleverflüssigungsanlage in die Rocky Mountains gebaut. In der chinesischen Provinz Ningxia soll noch in diesem Jahr die größte Propylenanlage der Welt in Betrieb gehen - konstruiert mit Technik des Frankfurter Unternehmens Lurgi. Aus mongolischer Kohle soll dort Synthesegas erzeugt werden; auf dieser Basis will die Shenhua Ningxia Coal Industry Group (SNCG) Kunststoffe produzieren, die üblicherweise aus Erdöl hergestellt werden.

Das wiedererwachte Interesse an der Kohletechnik zeigt, wie kritisch Profis derzeit die Lage einschätzen: Gut möglich, dass es in den kommenden Jahren zur ersten wirklichen Ölkrise kommt. Erstmals könnte nicht so viel gefördert werden, wie benötigt wird.

Die Welt läuft auf Reserve.

Fachleute warnen schon länger vor einer Verknappung des Schmiermittels der Weltwirtschaft. Nun stellt die Katastrophe im Golf von Mexiko Grundsatzfragen: Lässt sich Öl wirklich aus großer Tiefe fördern? Wie stark steigen die Kosten angesichts der Risiken? Gelingt der Umstieg auf andere Energieträger?

Die Antworten sind von kaum zu überschätzender Tragweite: Vom Öl hängt die globalisierte Ökonomie so stark ab wie von keiner anderen Energieform.

Von Ölknappheit am direktesten betroffen ist der Verkehr. Mehr als 90 Prozent der Energie, die der Transport von Personen und Gütern mit Autos, Flugzeugen, Schiffen und Bahnen benötigt, liefern Benzin, Diesel, Kerosin und Schweröl. Ebenfalls fast ausschließlich aus fossilem Material produziert die Chemie so wichtige Produkte wie Kunststoffe, Medikamente oder Dünger. Auch für die Wärmeerzeugung spielt Petroleum noch eine wichtige Rolle; ein Drittel der deutschen Heizungen läuft mit Öl.

Auch knapp 40 Jahre nach der ersten Ölkrise hängt die Weltwirtschaft noch immer am schwarzen Gold. Doch dass sich die Förderung der begehrten Ressource nach wie vor einfach steigern lässt, daran weckt das BP-Desaster ernste Zweifel.

"Die Katastrophe zeigt uns, dass der Höhepunkt der Ölförderung erreicht ist", sagt EU-Energiekommissar Günther Oettinger und kündigt den Einstieg in den Ausstieg aus dem Ölzeitalter an (siehe Inteview in manager magazin 8/2010). Das einst fern erscheinende Szenario "Peak Oil" - das Erreichen des Maximums der Förderung - könnte bald Realität werden.

"Die Erschließung neuer Vorkommen wird teurer", konstatiert Fatih Birol. Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass schärfere Sicherheitsvorschriften die Konzerne zu großen Investitionen zwingen. Auch müssten sie wohl hohe Rückstellungen für Umweltschäden bilden. Um bis zu eine Million Barrel pro Tag geringer könnte die Förderung wegen der steigenden Kosten dann ausfallen.

© manager magazin 8/2010
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