Samstag, 10. Dezember 2016

Rohstoffe Die Waldmeister

Forstwirtschaft: Der Wald als Geldanlage
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Enno Kapitza für manager magazin

Wald statt Aktien und Mietshäuser: Investments in Baum und Borke boomen - sind aber riskant. Das sagen zumindest diejenigen, die schon ein paar Generationen dabei sind.

Schlamm spritzt, als sich der VW Tiguan durchs Gelände wühlt. Nach dem Wolkenbruch wirft die Sonne glitzernde Lichtspeere durchs Blätterdach, ein Specht klopft, und Hans-Peter Fritzsche (56) gerät ins Schwärmen. "Traumhaft hier, oder?" In schweren Gummistiefeln stapft er auf Buchen zu, die beisammenstehen wie ein Grüppchen tratschender Marktweiber, dazwischen kleine Fichtenkolonien, Unterholz, eine verirrte Douglasie. Tiefer Tann irgendwo im östlichen Bayern.

Fritzsche, blaue Augen und korrekte Krawatte, tritt auf die Lichtung und tätschelt einen Stamm. "Bäume sind Heiligtümer", sagt Hermann Hesse. Fritzsche sagt: "Gute Altersstruktur, schöne Mischung aus Laub- und Nadelholz, und die Buche stützt gegen Windwurf."

Wo Wanderer eine lauschige Picknickwiese sehen, Verliebte zum Tête-à-tête unter Eichen weilen, der Dichter unter Buchen die Muse sucht und von Kathedralen schwärmt, die Fichten errichten - da sieht Fritzsche einen Produktionsstandort. Eine Fabrik, die still vor sich hin wächst und doch in Schuss gehalten werden will. Als Forstdirektor derer zu Thurn und Taxis ist er verantwortlich für Hege und Pflege der mehr als 19.000 Hektar Wald des Fürstenhauses. Über viele Kilometer zieht sich der Forst auf den Hügeln entlang der Donau von Regensburg nach Osten. Fritzsches Aufgabe ist es, das grüne Gold in echtes Geld zu verwandeln.

Viele Jahre interessierte das kaum jemanden: "Forstbesitzer wurden eher belächelt", sagt Fritzsches Chefin, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis (50). Sie galten als exzentrische Waldschrate, und wer wirklich Geld verdienen wollte, interessierte sich für Bäume nur als Ausgangsmaterial für das Papier, auf dem Fondsanteile notiert wurden. Fritzsche sagt: "Heute gibt es einen regelrechten Hype um Wald." Gert Waltenbauer, Geschäftsführer des Fondsinitiators KGAL und Sohn eines Holzkaufmanns, meint: "Viele investieren in Wald, weil er wenig mit Schwankungen an den Börsen korreliert ist, Inflationsschutz bietet und vom allgemeinen Rohstoffboom profitiert."

Weltweit wird das Anlagevolumen institutioneller Investoren in Wald auf 30 Milliarden Dollar geschätzt. Und auch in den deutschen Depots grünt es in letzter Zeit mächtig. Fonds werden aufgelegt, riesige Flächen spielen "Bäumchen, wechsle dich". Zahlreiche Anbieter wie etwa Life Forestry bieten direkte Forstbeteiligungen in Übersee und locken in Hochglanzprospekten mit Traumrenditen von 12 Prozent und mehr. Es leuchten Beispiele wie die von Eliteunis wie Harvard oder Yale, die zeitweise zu den größten privaten Waldbesitzern gehörten und damit üppige Gewinne erwirtschafteten.

Tatsächlich verstrahlt die Waldanlage in unsicheren Zeiten den soliden Charme der deutschen Eiche. Die Weltbevölkerung wächst, sie braucht Bauholz, Möbel und Papier. So schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN, dass der Holzverbrauch bis 2050 um die Hälfte zunehmen wird. Weil gleichzeitig der Regenwald schrumpft, werden die Preise steigen.

"Wald gilt als einer der Wirtschaftssektoren mit den höchsten Wachstumsprognosen", sagt Michael Köhl, Leiter des Hamburger Instituts für Weltforstwirtschaft. Der "NCREIF Timberland Index", eine Art Dax Börsen-Chart zeigen für Forstflächen, hat sich über 20 Jahre mit einem Zuwachs von im Schnitt 15 Prozent deutlich besser entwickelt als die meisten Aktien - allerdings auch, weil steigende Bodenpreise in den Index mit einfließen (siehe Grafik links).

Bäume haben den Vorteil, dass sie auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten wachsen und ihren "biologischen Zins" erhöhen; zusätzlich winken Gewinne aus der Wertsteigerung des Bodens, dem möglichen Verkauf von Emissionsrechten - und das gute Gefühl, Ökologie und Ökonomie zu einem sinn- und gewinnstiftenden Ganzen zusammenzufügen. Schließlich tauchte der Begriff Nachhaltigkeit schon 1592 erstmals in der sächsischen Forstordnung auf.

Doch ein Investment in Wald kann auch leicht auf den Holzweg führen. Sturmschäden, Feuer, der Borkenkäfer und politische Risiken gerade in Ländern außerhalb Europas können manch selbst ernanntem Waldmeister die Gewinne verhageln. Im Unterholz des Kleingedruckten verbergen sich viele Fallen, der grüne Markt entpuppt sich oft als ziemlich grau. "Wald hört sich gut an, weil jeder glaubt, die Sache zu verstehen", sagt Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre an der Uni Mannheim. "In Wahrheit ist der Markt intransparent, der Holzpreis schwankungsanfällig, und Renditen über 10 Prozent sind generell unseriös." Auch im Wald wachsen die Gewinne nicht in den Himmel.

Was also soll der Anleger tun, der den Wunsch verspürt, sein Depot aufzuforsten? Worauf ist bei Investments zu achten, wer schlägt eine Schneise ins Anlagendickicht - und wie wird man überhaupt Waldbesitzer?

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