Dienstag, 17. Oktober 2017

Hobbywinzer Die Weinseligen

Weingüter: Der Reiz der Ernte
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DDP

Liquidität ist in der Krise besonders wichtig. Kein Wunder, dass immer mehr Wirtschaftsführer jetzt ihre Leidenschaft für Reben und Keller ausleben. Dabei geht es auch um Prestige und um Wertbewusstsein.

Hamburg - Für sein derzeitiges Lieblingsprojekt muss Dieter Heuskel sehr früh aufstehen. Der Linienflug, der ihn zum Einsatzort bringt, verlässt den Düsseldorfer Airport schon um halb sieben. Doch der langjährige Deutschland-Chef der Boston Consulting Group (BCG) hat Routine bei diesem Trip. Alle vier bis sechs Wochen landet Heuskel freitags um acht Uhr in Milano Malpensa. Mit dem Mietwagen fährt er dann ins gut 60 Kilometer entfernte Dörfchen Brusnengo im nördlichen Piemont.

Dort steht ein Paar Gummistiefel bereit. Ab 10 Uhr ackert der Unternehmensberater dann in einem seiner Weinberge: Je nach Jahreszeit müssen die Reben beschnitten, die Erde gelockert, das Unkraut gejätet, die Traubenklötze belüftet, von faulen Beeren befreit werden. In diesem Herbst, so hofft Heuskel, werden die jungen Reben, die er vor sechs Jahren gepflanzt hat, zum ersten Mal genug tragen. Dann will er den ersten Versuch wagen, einen roten Bramaterra auszubauen, den typischen Qualitätswein der Region.

Die Leidenschaft für die Winzerei teilt Consultant Heuskel mit zahlreichen Managern und Unternehmern: Der sinnenfrohe Verleger Hubert Burda zum Beispiel kredenzt bei Feiern gern Tropfen aus den eigenen Lagen im Offenburger Ortsteil Fessenbach. Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender von RWE Börsen-Chart zeigen, besitzt das australische Weingut "Gentle Annie" im Hinterland von Melbourne, bekannt für seine körperreichen Cabernet-Sauvignon- und Shiraz-Weine. Hans Maret hat einige Zeit nach seinem Ausscheiden als Gesellschafter der damals noch eigenständigen Privatbank Sal. Oppenheim das Weingut Reverchon gekauft. Dort kultiviert er "sexy Saar-Riesling" (Maret). Und Burkhard Schuchmann, einst Vorstandsvorsitzender des Verkehrstechnikkonzerns Vossloh Börsen-Chart zeigen, keltert in der kaukasischen Krisenrepublik Georgien. Zuletzt übernahm TV-Moderator und -Produzent Günther Jauch das traditionsreiche Weingut Othegraven an der Saar von einer entfernten Verwandten.

Es geht nicht ums schnelle Geld

Was treibt die Unternehmenslenker und Managementexperten in ihre Schiefer-Steillagen oder in den schweren Löss zwischen ihren Rebzeilen? Eines haben alle weinseligen Wirtschaftsführer gemein: Es geht ihnen nicht ums schnelle Geld. Jene Männer, die nach einer Business-Karriere jetzt ihre Erträge in Hektolitern je Hektar berechnen, haben in anderen Geschäften längst bewiesen, dass sie profitabel wirtschaften können.

Allerdings betreiben nicht alle den Weinbau nur nebenher oder als Liebhaberei. Georg Prinz zur Lippe, ehemals Berater bei Roland Berger und Deutschland-Chef eines japanischen Zeitarbeitskonzerns, nutzt zum Beispiel die Gewinne aus dem von ihm gegründeten Weingut für die aufwendige Restaurierung des Barockschlosses Proschwitz. Diesen Sitz seines sächsischen Familienzweigs, von der sowjetischen Besatzung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet, hat der Prinz in den 90er Jahren zurückgekauft. Jetzt lässt er ihn um- und ausbauen zu einem Tagungs- und Veranstaltungszentrum. Bei einem Open-Air-Konzert im idyllischen Schlosspark saßen schon 6000 Zuhörer unter den zum Teil jahrhundertealten Rotbuchen, Pyramideneichen und Gingkobäumen.

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