Montag, 20. November 2017

Hobbywinzer Die Weinseligen

Weingüter: Der Reiz der Ernte
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DDP

4. Teil: Nicht immer das pure Vergnügen

Dieter Heuskel hingegen betreibt seinen Weinbau vor allem als Ziel der persönlichen Lebensplanung. "Im Piemont entsteht mein Second Life", sagt der Boston Consultant im Berater-Denglisch. In den nächsten fünf Jahren will sich Heuskel Schritt für Schritt aus dem Geschäft verabschieden. Und danach, jenseits der 65, nur noch für seine Weine arbeiten.

Freilich: Der Wechsel vom Chefbüro in Weinberg und -keller ist nicht immer nur pures Vergnügen. Burkhard Schuchmann zum Beispiel fand seine 115 Hektar Rebland plötzlich mitten in Kriegswirren: Im August 2008 rollten russische Panzer durch Georgien. Die Streitkräfte der Kaukasus-Republik schossen zurück - zum Glück nur wenige Tage lang. Und zum Glück ohne Schaden für das Weingut und seine Mitarbeiter.

Dieter Heuskel musste feststellen: Die Gemarkungen Piemonts sind durch Erbteilung zersplittert in zahllose winzige Parzellen. Dadurch kostet das Zusammenführen von nur fünf Hektar Weinbaufläche mehr Verhandlungszeit als der Vertrag für einen viele Millionen teuren Beratungsauftrag bei einem Weltkonzern. Und für die Notargebühren geht bei 40 bis 50 Kaufverträgen mehr Geld drauf als für den Kauf von Grund und Boden.

Der Kraft der Rebensäfte nachspüren

Georg Prinz zur Lippe schließlich verdient mit seinem hochgerühmten Prädikatsweingut noch immer nicht genug für den ambitionierten Aufbau seines Familienunternehmens. Zwei große Penthouse-Wohnungen in seiner ehemaligen Heimatstadt München hat er schon verkauft, den Erlös in den Wiederaufbau von Schloss und Park Proschwitz gesteckt. Weil aber weiter Geld fehlt, muss der ehemalige Berger-Consultant noch immer als freiberuflicher Unternehmensberater dazuverdienen.

Dennoch darf man sich den Wirtschaftsführer im Weinberg als glücklichen Menschen vorstellen. Mit einem Leuchten in den blassblauen Augen erzählt zum Beispiel Burkhard Schuchmann, wie er laut singend durch seine Rebzeilen schlendert, jeden einzelnen Weinstock streichelt und so der Kraft der Rebensäfte nachspürt, sie zu verstärken sucht.

Besonders viel Spaß hat der 67-Jährige beim barfüßigen Traubentreten, der traditionellen georgischen Methode des Kelterns. Allerdings warnt er vor den roten Saperavi-Trauben, der berühmtesten Sorte an den Südhängen des Kaukasus: Ihre Farbstoffe sitzen nicht nur in den Schalen, sondern auch im Fruchtfleisch. Der dunkle Violett-Ton zieht dann in die Fußhaut ein. "Da können Sie waschen und schrubben, so viel Sie wollen", sagt Schuchmann, "die nächsten Wochen laufen Sie als Lilafüßler durch die Welt."

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