Montag, 19. November 2018

Lidl Alles außer Tritt

5. Teil: Aldi und Netto sind besser gepolstert

Zum Vergleich: Die beiden Aldi-Gesellschaften Nord und Süd - die kaum Schulden haben, weil sie neue Filialen im Wesentlichen aus dem Cashflow finanzieren - weisen Vorsteuerrenditen zwischen 3 und 6 Prozent aus. Und auch die Edeka-Tochter Netto verdient mehr als Lidl.

Auf Rang drei verdrängt: Mit der Übernahme von Plus hat Netto in Deutschland mehr Filialen als Lidl
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Auf Rang drei verdrängt: Mit der Übernahme von Plus hat Netto in Deutschland mehr Filialen als Lidl
Mithin sind die Konkurrenten besser gepolstert. Sie können den kräftezehrenden Preiskrieg noch länger durchhalten. Die Schwaben indes laufen geradewegs in die Falle. Im Augenblick zahlen sie zwar nur 3 bis 3,5 Prozent Zinsen. Was aber, wenn die Inflationsrate und damit das Zinsniveau anzieht? "Mit jedem Prozentpunkt, den sie mehr aufwenden müssen, sind 100 Millionen Euro Ergebnis weg", rechnet ein Ex-Lidl-Mann vor. "Da ist dann bald nichts mehr übrig."

Eigentlich wäre es höchste Zeit, dass Gehrig mit einem Sparprogramm gegensteuert. Aber das Potenzial für Kostensenkungen ist gering. In der Verwaltung steigt der Aufwand sogar, anstatt zu sinken; auch dies eine Folge des atemberaubenden Wachstums. Inzwischen beschäftigt die Lidl-Zentrale über 1000 Mitarbeiter. Ständig kommen Stabsstellen hinzu, werden zusätzliche Controller und Personaler eingestellt.

Zudem erhöht sich mit jedem neuen Markt die Komplexität. Beispiel Sortiment: Auch wenn sich Lidl den regionalen Geschmacksunterschieden wenig anpasst, muss doch ein Mindestmaß an landesspezifischen Lebensmitteln in den Regalen liegen. Zudem bietet Lidl auch im Inland mehr Artikel an als Aldi. Die wachsende Produktvielfalt erschwert wiederum die Steuerung. So installiert Lidl jetzt ein teures Warenwirtschaftssystem, weil die alte selbst entwickelte Software nicht mehr ausbaufähig ist.

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17 Sprachen werden im Lidl-Imperium gesprochen, auf 24 verschiedene Rechtssysteme müssen sich die Juristen einstellen, unter anderem auf so minore Märkte wie Malta, wo es gerade mal vier Läden gibt. Und die Hatz geht unablässig weiter. Noch 2009 soll Zypern starten, danach folgen Bulgarien und Rumänien.

Aber mit zunehmender Größe verliert die Firma genau jene Stärken, die sie in der Vergangenheit so gefürchtet machten: die Flexibilität, die Geschwindigkeit und auch die Innovationskraft.

Einst war Lidl der Angreifer, der als erster Discounter Scannerkassen und EC-Kartenzahlung einführte. Jetzt treibt Netto den Gegner vor sich her. Die Konzernmutter Edeka peppt die teilweise schäbigen Plus-Filialen auf, sie konzentriert sich bei ihrer Billigtochter auf ein breites Frischesortiment und beweist Kreativität, etwa bei der Platzierung von Aktionsware über den Kühlregalen.

Eine pfiffige Idee, die Lidl kürzlich vom Konkurrenten übernommen hat. Dass Gehrig nun ausgerechnet bei Netto abkupfern muss, zeigt eindrucksvoll: Der einstige Treiber ist nun selbst ein Getriebener.

© manager magazin 11/2009
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