Donnerstag, 21. Februar 2019

Tengelmann Die Ladenhüter

Einst waren die Haubs eine dynamische Unternehmerfamilie. Jetzt ziehen sich die Tengelmann-Gesellschafter aus dem aktiven Geschäft zurück. Den Haubs ist das Unternehmer-Gen abhandengekommen.

Säuberlich beschriftete Schubladen, eine mechanische Waage und eine ebensolche Registrierkasse - das Interieur des liebevoll nachgebauten Lebensmittelladens stammt aus jener Epoche, als man noch von Kolonialwarengeschäften sprach. Selbstbedienung war ausgeschlossen, der Raum hinter der Theke für Kunden tabu.

Das altertümliche Verkaufslokal befindet sich im ersten Stock der Mülheimer Tengelmann-Zentrale. Eben dort posieren Karl-Erivan (49) und Christian Haub (45). Die beiden geschäftsführenden Gesellschafter der Tengelmann Warenhandelsgesellschaft wirken in diesem Museum eigentlich gar nicht wie Fremdkörper, sondern in ihrer Betulichkeit selbst wie Überbleibsel aus einer längst vergangenen Periode.

Ach ja, manchmal sehnen sich die Haubs wohl zurück in die gute alte Zeit, als man mit Tante-Emma-Läden noch Geld verdienen konnte. Doch die Realität sieht leider anders aus: Das Geschäft läuft mehr schlecht als recht, das Tengelmann-Imperium schrumpft unablässig; heute ist es nur noch etwa halb so groß wie vor einer Dekade. Einst wesentliche Teile der Gruppe - wie der Textildiscounter Takko, die Drogeriemärkte Kaiser's Drugstore oder die Lebensmittelkette Plus - sind bereits verkauft.

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Weitere Desinvestments stehen bevor, etwa in den USA. Dort hielten die Haubs über nahezu 30 Jahre die Mehrheit an der hochdefizitären Supermarktkette A&P (Umsatz: 9,5 Milliarden Dollar). Seit 2008 sind sie nur noch Minderheitsaktionäre, und sie wollen noch mehr Anteile abgeben. Bei den verlustreichen deutschen Supermärkte wies Karl-Erivan Haub jüngst Verkaufsabsichten noch zurück. Er wolle das "Lebensmittelfeeling nicht aufgeben"; allerdings können Kaiser's und Tengelmann in heutiger Form wohl kaum überleben.

Bleiben werden daher am Ende wohl zwei Finanzholdings - eine in den USA und eine in Europa. Sie dürften operativ keine Rolle mehr spielen, sondern nur noch Beteiligungen verwalten wie die an der Baumarktfirma Obi, dem Bekleidungsdiscounter Kik sowie an dem zu Edeka gehörenden Discounter Netto, in den Tengelmann das Gros der deutschen Plus-Filialen eingebracht hat.

142 Jahre nach der Gründung einer Kolonialwarengroßhandlung neigt sich somit die Ära Haub ihrem Ende zu. Kaum eine andere Händlerfamilie genoss im vergangenen Jahrhundert so großes Ansehen unter deutschen Kaufleuten wie sie, nur wenige erfuhren so viel Anerkennung wie der Patriarch Erivan Haub (76). Wo er auftauchte, schlug ihm Ehrerbietung entgegen - auch noch, als der Niedergang nicht mehr zu verschleiern war.

© manager magazin 10/2009
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