Dienstag, 27. Juni 2017

Dalai Lama "Gier, Spekulation und Intransparenz haben die Krise verursacht"

Das geistliche Oberhaupt des tibetischen Volkes, der Dalai Lama, fordert neue Werte für die Ökonomie. Der Friedensnobelpreisträger hofft, dass sich die Marktwirtschaft fundamental ändert und die Akteure mehr globale Verantwortung übernehmen. Vor allem Manager müssten sich wieder auf moralische und ethische Prinzipien besinnen.

Paris - Entspannt und lächelnd sitzt der Dalai Lama im Schneidersitz auf dem Sofa der Suite eines edlen Pariser Hotels - die Gummipantoffeln vor sich auf dem Boden. Soeben wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Paris verliehen, nun nimmt sich das geistige Oberhaupt der Tibeter eine Stunde Zeit, um mit manager magazin über Themen zu sprechen, die die Menschen weltweit bewegen: die globale Wirtschaftskrise, die Angst vor dem Existenzverlust und darüber, wie sein Glaube, der Buddhismus, in dieser Not zu helfen vermag. Der Dalai Lama hat eine beeindruckende Ausstrahlung, er versprüht förmlich positive Energie. Und er bemerkt sofort, dass der Journalist, der ihn interviewen möchte, etwas nervös ist. Freundlich fasst er diesen an die Schulter, murmelt ein paar Worte, und der Bann ist gebrochen.

mm: Eure Heiligkeit, die Weltwirtschaftskrise belastet viele Menschen persönlich. Angst und Pessimismus grassieren. Sogar Manager erleben das Gefühl der Ohnmacht angesichts des Zusammenbruchs. Uns interessiert Ihre Sicht auf die aktuellen Entwicklungen. Wie sehen Sie den Absturz der Weltwirtschaft?

Dalai Lama: Ich bin kein Experte für Wirtschaftsfragen. Ich habe aber neu-gierig mit Fachleuten diskutiert und das Phänomen durchdacht. Die elementaren Ursachen der globalen Probleme liegen in einer übertriebenen Gier, in der Spekulation und der mangelnden Transparenz des Systems. Das sind einige der Gründe. Wir müssen uns wieder auf moralische und ethische Prinzipien besinnen. Wenn wir offen, ehrlich und transparent mit der misslichen ökonomischen Lage umgehen, wird es den Menschen helfen. Es wird sie weniger erschrecken. Die Krise zeigt uns, dass die Fixierung auf materielle Werte unseren Geist und unser Denken einengt.

mm: Wir vermuten, dass Sie selbst kein Geld an den Märkten verloren haben.

Dalai Lama: Nein, ich halte mich fern von den Finanzmärkten. Diejenigen aber, die sich nur für Geld interessieren und sogar nachts davon träumen, haben nun ein Problem. Ich bin sicher, dass die Krise ziemliche Turbulenzen in ihren Köpfen verursacht.

mm: Sie meinen, Geld werde überbewertet?

Dalai Lama: Man braucht Geld, um zu leben, auch ich benötige es. Jeder liebt Geld. Aber neben dem Geld gibt es andere Werte wie den Zusammenhalt der Familie, die innere Zufriedenheit, die Meditation und die Erkenntnis, dass materielle Dinge uns einschränken. Wer diese Werte in seinem Leben als ele-mentar erachtet, fühlt sich von der Krise weniger betroffen. Und selbst wenn jemand seinen Arbeitsplatz verloren hat, findet er bei seiner Familie und bei Freunden Halt. Zudem bleibt ihm die Meditation.

mm: Was sagen Ihnen Unternehmer zu dieser Sicht?

"Materielle Werte und der ökonomische Zwang zum Wachstum engen unser Denken ein."

Dalai Lama: Vor vielen Jahren war ich einmal in Japan. Die japanische Wirtschaft war zu dieser Zeit sehr erfolgreich, sie wuchs Jahr um Jahr. Ich habe damals gegenüber den Japanern meine Bedenken geäußert, dass materielle Werte und der Zwang zum Wachstum sie einschränkten; sie könnten nicht erwarten, dass es immer so weitergehe. Später, als ich wieder einmal Japan besuchte und die Wirtschaft dort bereits stagnierte, kam ein japanischer Manager zu mir und meinte, er sei traurig, dass er seine Karriere und sein Leben bisher nur dem Geld gewidmet habe und nun nachvollziehe, was ich lehrte. Wir müssen uns bewusst machen, dass materielles Wachstum endlich ist, dass es früher oder später an Grenzen stößt. Wenn wir das verinnerlichen, wird uns auch eine Krise weniger erschrecken.

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