Samstag, 24. Februar 2018

Dalai Lama "Gier, Spekulation und Intransparenz haben die Krise verursacht"

3. Teil: "Mitgefühl und Vergebung sind enorm wichtig"

mm: Ende Juli besuchen Sie die deutsche Finanzmetropole Frankfurt. Was werden Sie etwa den Bankern dort raten?

"Wir müssen das alte Denken zwischen "wir" und "sie" überwinden, künstliche Grenzen einreißen."

Dalai Lama: Ich bleibe vier Tage und werde buddhistische Lesungen abhalten, die sich auch an Manager wenden. Die zentrale Frage wird sein, wie Menschen ein erfülltes Leben führen und Mitgefühl entwickeln können. Innere Stärke und Mitgefühl führen zu mehr Bewusstsein. Ich habe einen guten Freund, der 18 Jahre in einem chinesischen Straflager inhaftiert war. Nach seiner Entlassung besuchte er mich in Indien. Er erzählte mir, dass er während seiner Gefangenschaft einige Momente der Gefahr verspürte. Ich fragte: Welcher Gefahr? Er antwortete mir lächelnd: der Gefahr, dass ich das Mitgefühl gegenüber den Chinesen verliere. Diese Mentalität ist sehr wichtig, wenn Menschen mit Schmerzen und schwierigen Situationen wie etwa der Wirtschaftskrise umgehen müssen.

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mm: Mitgefühl als Weg aus der Krise?

Dalai Lama: Mitgefühl gegenüber anderen Menschen führt zu einer inneren Stärke. Das versuche ich den Menschen klarzumachen: Mitgefühl und Vergebung sind für das Funktionieren einer Gesellschaft enorm wichtig. Ich nenne das säkulare Ethik, Respekt gegenüber anderen Religionen.

mm: Haben wir Deutsche, die wir uns gern als "Exportweltmeister" sehen, eine besondere Verantwortung bei der Bewältigung der Krise?

Dalai Lama: Als ich zehn Jahre alt war, lernte ich Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter kennen. Ich nannte sie "Die zwei Deutschen". Harrer wurde ein enger Freund von mir. Während meines ersten Besuchs in Europa im Jahr 1973 bemerkte ich, dass die deutschen und österreichischen Menschen sehr offen sind. Deutschland baute aus der Asche eine neue Nation mit einer sehr starken Wirtschaft und einer gut funktionierenden Demokratie. Das bewundere ich.

mm: Erleben Sie denn bei uns das von Ihnen gewünschte Mitgefühl?

Dalai Lama: Sowohl Deutsche als auch Japaner habe ich gefragt, ob sie schlechte Gefühle gegenüber dem einstigen Kriegsgegner Amerika hätten, weil zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden sind. Die Menschen, die ich fragte, verneinten dies. Sie haben vergeben. Als Barack Obama im vergangenen Jahr Berlin besuchte, jubelten ihm 200.000 Menschen zu. Das empfinde ich als sehr gut. Die Menschen schauen einer neuen Realität entgegen. Wir müssen das alte Denken zwischen "wir" und "sie" überwinden, künstliche Grenzen einreißen. Wir müssen den Rest der Welt als Teil von uns verstehen. Dann werden Kriege verhindert. Aus ihren eigenen Erfahrungen können die Deutschen einen wertvollen Beitrag dazu leisten.

© manager magazin 7/2009
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