Sonntag, 19. August 2018

Dalai Lama "Gier, Spekulation und Intransparenz haben die Krise verursacht"

2. Teil: "Natürlich kann ein Manager Buddhist sein"

mm: Kann denn eine Marktwirtschaft ohne Geld, Gier und Wachstum funktionieren?

Der 14. Dalai Lama ist das geistige Oberhaupt des tibetischen Volkes. Der Friedensnobelpreisträger, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt, wird im Westen verehrt und von Chinas Kommunisten abgelehnt. Ende Juli kommt er für vier Tage nach Frankfurt am Main, um Vorträge zu halten und mit Wissenschaftlern zu diskutieren.
Dalai Lama: Eine Marktwirtschaft ist dynamischer als eine sozialistische Planwirtschaft, das ist die schlichte Realität. Doch materielle Werte und der ökonomische Zwang zum Wachstum engen unser Denken ein. Triebfedern der Ökonomie sollten Enthusiasmus und globale Verantwortung sein - im Sinne des Mitgefühls. Geld gehört dazu, vor allem die armen Menschen und Nationen benötigen viel Geld. Und das muss verdient werden. In Deutschland ist die Schere zwischen Arm und Reich relativ klein. In den USA oder Indien ist der Unterschied gewaltig. In China ebenfalls, dort werden viele Funktionäre zu kapitalistischen Kommunisten. Der Lebensstandard der armen Menschen und die Bildung der Kinder und das Gesundheitssystem müssen sich weltweit verbessern. Dafür benötigen wir Geld, aber nicht für ein luxuriöses Leben. Die entscheidende Frage ist, wie das Geld verteilt wird - für die Befriedigung der Gier einiger weniger Menschen oder im Sinne der globalen Verantwortung.

mm: Kann denn ein Topmanager Ihren Leitlinien folgen? Wird er dann nicht zwangsläufig von gierigeren Wettbewerbern überholt?

Dalai Lama: Selbstverständlich können Individuen wie Manager, Politiker oder Wissenschaftler spirituellen Linien folgen - seien es christliche, islamische, hinduistische oder buddhistische - und dabei professionell arbeiten. Entscheidend ist, dass man Verantwortung und Mitgefühl für die Gesellschaft empfindet. Die buddhistische Lehre ist sehr holistisch - alles hängt von allem ab. Ansonsten sind sich die Religionen sehr ähnlich. Also: Natürlich kann ein Manager Buddhist sein.

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mm: Gibt es ein spezifisch buddhistisches Wirtschaften, etwa "buddhist banking"?

Dalai Lama: Ich habe davon gehört, dass jemand tatsächlich ein Buch darüber geschrieben hat. In jedem Fall ist das Wirtschaften ein wichtiger Aspekt der menschlichen Tätigkeit und hat viel mit dem Thema Motivation zu tun. Mitgefühl sollte für Manager dabei eine wichtige Größe sein, denn sie führt zu einer Verantwortung für das große Ganze und Ehrlichkeit gegenüber den Menschen. Leider aber sehen wir immer wieder Fälle von Korruption, nicht nur bei Managern, sondern auch bei religiösen Menschen. Da werden dann die eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt, die Religion wird beschmutzt.

mm: Wie wird sich die westliche Marktwirtschaft durch die Krise ändern?

Dalai Lama: Das weiß ich nicht (lacht). Die Realität wird eine neue Realität schaffen. Das passiert eben auch in der Wirtschaft. Wie diese Realität genau aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Wir brauchen neue, effiziente Strukturen, wir müssen die Prozesse anders organisieren. Das bisherige Denken in der Ökonomie, aber auch in den zwischenstaatlichen Beziehungen, unterscheidet noch immer in "wir" und "sie". Das ist nun durch die Realität überholt. In der Wirtschaftskrise versagt diese Sicht, wir sind alle betroffen, die ganze Welt.

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