Montag, 10. Dezember 2018

Schloss Elmau Zauberberg für alle

5. Teil: Die Magie des Ortes

Was bedeutet das für die Gäste? Eigenbrötler sitzen glücklich im alten Salettl. Mit Blick auf eine bemooste hundertjährige Buche. Kein Laut. Nur Stille. Familien planschen im Family Spa oder im nahen Ferchenbach. Aus dem Geisterhaus hat Müller-Elmau, der Familienvater, ein Abenteuerparadies gemacht. Die Quadrille ist abgeschafft. Kultur ist nicht mehr der einzige Mittelpunkt. Wellness, Wandern, Schwimmen, Fitness haben einen hohen Stellenwert. Aber mehr als die Hälfte der Gäste nimmt die Kammermusiken, Jazzkonzerte, Lesungen, Liederabende, Klavierkonzerte, Bibliotheken dankbar an. Wir erlebten auf dem Podium Christoph Schlingensief, so konzentriert, anrührend, intensiv, als sei es ein privates Treffen, tatsächlich sprach der Regisseur vor einem Auditorium von 100 Leuten.

Im Schnee: Schloss Elmau liegt idyllisch am Alpenrand
Aber es herrscht ein neuer Ton. "Das ist doch der größte Luxus", sagte Müller-Elmau zu dem Alt-Elmauer Gidon Kremer. "Du spielst, und ich geh' schwimmen. "Nee", antwortete Gidon, "der allergrößte Luxus ist, ich bin mit meiner Freundin in Elmau, ich gehe weder spielen noch schwimmen, bleib' einfach mit ihr auf dem Zimmer." - Das habe er dann auch getan. - Do not disturb. Roomservice aus der Gourmetküche. Fast eine Woche lang. "Er fand es himmlisch."

Die Magie des Ortes, sie wirkt noch immer. Die Künstler kommen gern. Ohne Honorar. Genießen dafür mit ihren Familien ein paar Tage Erholung auf Einladung des Hauses. Die Stille des Tals, nur am frühen Morgen und Abend unterbrochen von glockenbimmelnden Ziegen- und Schafherden. Man fühlt sich gesegnet. Aufgehoben in der Weite der Hochebene, beschützt von der Erhabenheit der Berge. Schloss Elmau steht auf 60 Millionen Jahre altem Meeresgrund. Wer möchte da an der Küche mäkeln? Die Buffets sind frisch. Im Gourmetrestaurant kocht Michael Hüsken ambitioniert. Aber es fehlt Beständigkeit. Im Spa-Restaurant haben wir dreimal das gleiche Gemüsecurry gegessen. Mal fantastisch. Wie im "Mandarin Oriental" in Hongkong. Mal normal. Mal langweilig. Das darf nicht sein.

Und wer möchte von der Krise reden? Elmau macht freilich auch dieses Jahr Gewinn. Halbiert habe sich nur die Anzahl der Businesskonferenzen, aber das falle bei einem Anteil von 5 Prozent kaum ins Gewicht. Dafür gebe es mehr Individualreisende als im Vorjahr. Unternehmen werden nur akzeptiert, wenn sie das ganze Haus belegen. So wie zum Beispiel die Firma Porsche, die auf Elmau drei Wochen lang ihren "Panamera" der Weltpresse vorstellt. Die Preise gelten als hoch; im internationalen Vergleich sind sie es nicht. Man will maßhalten. "Wir sind ja noch ganz am Anfang. Trainieren die Mitarbeiter. Unser Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft."

Die ganze Anlage wirkt gepflegt. Nur hinter dem Haus, wo Enzian die Buckelwiesen blau färbt, spürt man etwas von den Wunden, die Bauarbeiten hinterlassen. Fliederbüsche und Gartenmöbel stehen etwas ratlos in der Gegend. Im Herbst würden wir da und dort noch etwas pflanzen. - "Im Herbst?", fragt Peter Kienast, der Hoteldirektor, lächelnd. "Das haben Sie Müller-Elmau geraten? Da kennen Sie unseren Chef aber schlecht." - Am nächsten Morgen verstehen wir, warum Kienast gelächelt hat. Rasentrecker fahren hin und her, Gärtner pflanzen, und der Chef schleppt erst schwere Kissentruhen, dann Tische, Stühle und Sonnenschirme über den Kies, stellt um, gruppiert neu ... Ein Verrückter. Ein Maniac. Besessen von der Suche nach Perfektion. Manche nennen das Glück.

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