Freitag, 16. November 2018

Schloss Elmau Zauberberg für alle

3. Teil: Das Schloss als Schicksal

Zu Müller-Elmaus Sensibilität kommen Ehrgeiz und Geschäftssinn. "Natürlich habe ich alles dafür getan, damit wir die Nummer eins sind." Aber die vielen Reisen, Flugzeuge, Hotels, das war nicht sein Leben. "Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, in welcher Zeitzone ich war." Er wollte so schnell wie möglich aus dieser Mühle wieder heraus. In mehreren Schritten wurde Fidelio, damals bereits Weltmarktführer (Umsatz: 75 Millionen Mark, 475 Mitarbeiter, 40 Tochterunternehmen), von der amerikanischen Micros Systems übernommen. Für insgesamt 55 Millionen Mark, wobei an Müller-Elmau der Löwenanteil fiel. Heute ist Micros-Fidelio gut eine Milliarde Dollar wert und beschäftigt 3500 Mitarbeiter. Müller-Elmau berät; pflegt zu Micros immer noch Kontakte. Ohne jedes Bedauern.

Für die Bewahrer des Elmauer Geistes war Dietmar Müller-Elmau nun einer, der mit Computerzeug Geld gemacht hatte, "sie sahen in mir den entwurzelten, amerikanisierten, kapitalistischen Zersetzer des Gemeinwesens". Das Schloss war mit seinen Gästen gealtert, der Betrieb lief immer schlechter, die Banken gaben keine Kredite mehr. 1997 musste der oberste Gralshüter, Odoardo Mesirca, gehen. Seinem Vater zuliebe - "ihm verdankte ich viel" - verhindert Müller-Elmau die Pleite. Jetzt war er gefangen. Das Geisterhaus sog seine Millionen auf. Das Schloss wurde sein Schicksal.

Dietmar Müller-Elmau lüftete, entkernte, investierte. Bei Konzerten durfte wieder geklatscht, beim Tanzen gesprochen werden. Und alle schrien auf. Die Elmauer, das war ja immer noch eine verschworene Gemeinschaft. "Genau wie bei den Wagnerianern: Wenn man den Tanz nicht mitmachte, gehörte man nicht dazu, wurde ausgegrenzt - grässlich." Es gab Unterschriftenlisten. Der Stiftungsrat, an der Spitze der damalige Bundespräsident und Stammgast Johannes Rau, drückte tiefe Besorgnis aus, die Mitarbeiter, der Betriebsrat protestierten, Teile der Familie legten sich quer. "Es war eine Riesenfront", erinnert sich Müller-Elmau. "Offiziell geht es in Deutschland ja immer nur um Kultur. Tatsächlich ging es um Macht und Geld."

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Schloss Elmau hatte nun einen Indoor-Pool. Einen Literatursaal. Größere Bäder. Aber Mauern versetzen konnte der neue Schlossherr, auch beschränkt durch den Denkmalschutz, nicht. Dafür beseitigte er geistige Schranken. Lud Jazzmusiker ein. Und Wissenschaftler, Forscher, Philosophen. Elmau wurde ein Synonym für wegweisende Symposien und Debatten. Von der Greencard bis zur Gentechnik. Und Dietmar Müller-Elmau, der genauso schnell redet, wie er denkt, war endlich in seinem Element. "Das ist doch total spannend - wenn man die öffentliche Diskussion mit beeinflussen kann."

Schloss Elmau war jetzt ein Vier-Sterne-Hotel. Mit 80 Prozent Auslastung und 16,5 Millionen Euro Umsatz profitabel schon im ersten Jahr. Und die "FAZ" urteilte nach einem Besuch: "Das Tümelnd-Schwiemelnde ist dahin." Tatsächlich aber schwelte es immer noch im Hintergrund. Der Kampf mit Familienmitgliedern führte bis zum obersten Landesgericht. Und für Dietmar Müller-Elmau und seine zweite Frau war die Idee, nach Amerika auszuwandern, zeitweilig durchaus eine Option.

© manager magazin 7/2009
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