Mittwoch, 19. Dezember 2018

Schloss Elmau Zauberberg für alle

2. Teil: Perfektionist und Schlossherr

Wie die Elmauer, wie sie sich nannten, mit dem Makel zurechtkamen, dass ihr Vordenker ein Anhänger von Hitler gewesen war? "Genau wie es Wieland und Wolfgang Wagner in Bayreuth gemacht haben: mit der Flucht in die Abstraktion", sagt Dietmar Müller-Elmau. "Das Geistige wurde noch mehr verdichtet. Alle Politik verbannt." Bernhard, Dietmars Vater, kümmerte sich um Verwaltung und Immobilien, Sieglinde, seine Tante, entwickelte die "Elmauer Musikwochen", und Odoardo Mesirca, ihr Ehemann, gab den Hoteldirektor (Johannes Müller hatte ihn dazu auf Lebenszeit ernannt).

Der Perfektionist: Schlossherr Dietmar Müller-Elmau. Geerbt hat er vornehmlich Lasten. "Jeden Stein habe ich hier selbst erworben und erlitten."
Alles Weltanschauliche wurde etwas tiefer gehängt. Nach und nach reisten die Gäste wieder an, auch die jüdischen Freunde, die am Leben geblieben waren, jetzt aus Israel. Aber es kamen auch Gertrud Wagner mit Sohn Wummi, Künstler wie Wilhelm Kempff und Yehudi Menuhin, Elly Ney, Benjamin Britten. Später stießen Loriot, Rolf Boysen und Johannes Rau dazu. Sie alle haben in Elmau Urlaub gemacht, haben dabei geschrieben, geprobt und gespielt, an dem "Ort der Reinigung und des Sammelns" (Menuhin).

Und dazwischen Dietmars Mutter. Eine Niederländerin aus Curaçao, namens Bep: sehr blond und immer braun, weil sie in den fremden, kühlen bayerischen Alpen jeden Sonnenstrahl suchte. "Elmau war Feindesland - für meine Mutter und mich." Sie war offen, kosmopolitisch, multikulti. Elmau protestantisch und in Wahrheit ein ziemlich scheinheiliger Ort. Jedes Jahr kamen frische junge Mädchen aus guten Familien, Helferinnen genannt, als Hauswirtschaftslehrlinge ins Schloss (in ihrem selbstlosen Einsatz an die Blauen Mädchen, die Türsteherinnen in Bayreuth, erinnernd) und sorgten beim "Jägertanz" für Abwechslung. Der Tanz im Tau, barfuß und mit Blumen im Haar, fand mitunter eine Fortsetzung, die aus Gästen über Nacht treue Stammgäste machte.

Darüber sprach man nicht. Das war das Elmauer Geheimnis. Dass man dort auch herrlich sündigen konnte. Auch beim Tanzen wurde geschwiegen. Nach den Konzerten nicht geklatscht. Zollte ein Newcomer einem musikalischen Vortrag dennoch spontanen Beifall, wurde er genauso angeguckt wie bis heute die armen Neulinge in Bayreuth, die beim "Parsifal" nach dem ersten Akt "Bravo" rufen: vernichtend! Denn auch da klatscht man um Gottes willen nicht.

Zwischen diesen Welten wuchs Dietmar Müller-Elmau auf. Ein hochbegabtes Kind - er übersprang eine Klasse -, ein neugieriger Student. In München belegte er BWL, Philosophie, Theologie. In den USA Computer Sciences, weil er am wenigsten davon verstand. Nach zwei Monaten war er der beste Student. Und finanzierte seine Ausbildung zum MBA an der Cornell University als Teaching Assistent des Professors. In Amerika, dem Land der Freiheit und des Individualismus, fühlt er sich zu Hause. Seine Seelenheimat aber wird Indien. Ein Land, wie er empfindet, das immer neue Fragen stellt, keine Antworten gibt. Ein ganzes Jahr in Indien leistet er sich. Einer seiner Söhne wird dort, im Süden, geboren.

Natürlich kann so einer nicht mal dem Vater zuliebe Assistent des stockkonservativen Onkels Mesirca sein. Eines Mannes, der seine Macht mit niemandem teilen wollte. Nach einem Elmau-Gastspiel startete er 1985 mit 20.000 Mark Schulden, in Scheidung lebend und mit drei Kindern, eine Softwarefirma in München. Entwickelte eher beiläufig "Fidelio" für das Hotelmanagement, eine Software, die sich dem jeweiligen Haus anpassen lässt. "Die Individualisierung der Software war das Geheimnis. Alle konnten sie nach ihren Bedürfnissen anwenden." Müller-Elmau war einfach seinem Grundcredo treu geblieben, das er aus Protest gegen die Elmauer Welt entwickelt hat: Vielfalt akzeptieren; die Individualität des Einzelnen respektieren.

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