Freitag, 18. Januar 2019

Jürgen Heraeus Familienflüsterer

Jürgen Heraeus hat ein Traditionshaus in die Globalisierung geführt. Gelingen konnte das nur, weil er die 190 Familiengesellschafter zusammenschweißte. Ein Porträt des Unternehmers und Clanchefs, den das manager magazin jüngst in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft aufgenommen hat.

Jürgen Heraeus steht an der Essenausgabe seiner Werkskantine. Als die Reihe an ihn kommt, murmelt er ein "Für mich mit mehr Kartoffeln, bitte". Der Küchenhelfer stutzt einen Augenblick; er scheint zu überlegen, wie viel mehr "mehr" bedeutet bei diesem auffallend schlanken Herrn.

 Stationen eines Lebens Privat: Jürgen Heraeus wurde am 2. September 1936 in Hanau am Main geboren. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Töchter. Zu seinen Passionen zählen moderne Kunst, Segeln und Wandertouren im Hochgebirge. Beruf: Heraeus studierte Betriebswirtschaft und promovierte. Seine Karriere im Familienunternehmen begann er 1964 als Trainee. 1983 wurde er Konzernchef. Im Jahr 2000 zog er sich in den Aufsichtsrat zurück. Heraeus führte den Konzern zu Weltgeltung, mit heute 12.800 Mitarbeitern, knapp drei Milliarden Euro Industrieumsatz und rund 13 Milliarden Euro Umsatz im Handel mit Edelmetallen.
Andreas Pohlmann

Stationen eines Lebens

Privat: Jürgen Heraeus wurde am 2. September 1936 in Hanau am Main geboren. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Töchter. Zu seinen Passionen zählen moderne Kunst, Segeln und Wandertouren im Hochgebirge.

Beruf: Heraeus studierte Betriebswirtschaft und promovierte. Seine Karriere im Familienunternehmen begann er 1964 als Trainee. 1983 wurde er Konzernchef. Im Jahr 2000 zog er sich in den Aufsichtsrat zurück. Heraeus führte den Konzern zu Weltgeltung, mit heute 12.800 Mitarbeitern, knapp drei Milliarden Euro Industrieumsatz und rund 13 Milliarden Euro Umsatz im Handel mit Edelmetallen.

Weiter kommt er nicht, denn noch im gleichen Moment tritt eine Kollegin heran. "Ich mach das schon", sagt sie, lädt mit sicherem Schwung eine ordentliche Portion neben den Spargel und reicht den Teller heraus. "Wir kennen uns ja schon ein paar Jahre", erklärt sie und wirft Heraeus ein kurzes Lächeln zu. Heraeus lächelt zurück.

Gemeinsames Verständnis, wie man es aus einer Familie kennt - das ist genau das, worum er stets gerungen hat. Jürgen Heraeus ist der Kopf eines Konzerns, der auf Familiengeist baut wie kaum ein zweiter in Deutschland.

Zehn Generationen reicht die Dynastie zurück, bis zu Johann Heer, der sich 1611 in Johannes Heraeus umbenannte und ein Geschlecht von Apothekern begründete. Urgroßvater Wilhelm Carl Heraeus brach in neue, noch dieser Tage ertragreiche Geschäfte auf, als er 1856 ein Verfahren erfand, mit dem sich Platin in größeren Mengen verarbeiten ließ.

Heute ist die Sippe weitverzweigt, gut 190 Familiengesellschafter kontrollieren das Unternehmen. Kontrollieren? Im Wesentlichen vertrauen sie darauf, dass einer es zusammenhält, den Fortgang sichern wird: Jürgen Heraeus.

Eine Bürde aus Tradition und Erwartungen. Mancher könnte sich erdrückt fühlen. Tatsächlich wirkt Heraeus auf den ersten Blick ernst, mit viel Vorsicht im Blick und einer gewissen Unnahbarkeit. Seinen Körper hält er selbstbewusst gerade; abwartende Gesten - die Linke mit den Fingerspitzen in der Hosentasche - lassen an englischen Landadel denken.

Die Frisur, hinten etwas länger, deutet auf sein wahres Naturell. Jürgen Heraeus wahrt die Distanz, aber auch die Distanz zum Überernst. Munter erzählt er Anekdoten, sein leicht hessischer Tonfall suggeriert Erdennähe. Er liebt moderne Kunst mit originellen Anklängen. Den Besuchern seines Büros etwa späht ein rundbäuchiges Männlein entgegen, grob aus einem Holzstamm geschnitzt.

Strenge hatte er in seiner Jugend schon genug. Sein Vater setzte klare Vorgaben: "Es war eigentlich selbstverständlich", erzählt Heraeus, "dass ich einmal das Unternehmen übernehme." Der Junge wuchs in einem typischen Unternehmerhaushalt auf, "es wurde immer nur über die Firma geredet". Sonntagsspaziergänge endeten meist in der Fabrik.

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