Freitag, 16. November 2018

Kolumne Das Risiko Deglobalisierung

Politiker sind - zumal in Wahlkampfzeiten - versucht, die Zustimmung der Massen mit protektionistischen Maßnahmen zu erlangen. Protektionismus darf die Unternehmen aber nicht zum Rückzug in die Heimat verleiten.

Der größte Wohlstandstreiber in den vergangenen drei Jahrzehnten war die Globalisierung - noch vor dem technischen Fortschritt. Der Begriff Globalisierung wurde zwar schon 1944 geprägt, aber erst 1983 durch den viel beachteten "Harvard Business Review"-Artikel "The Globalization of Markets" des Harvard-Professors Theodore Levitt in der Öffentlichkeit bekannt.

Hermann Simon ist Chairman der Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners
Lagen die Weltexporte pro Kopf der Weltbevölkerung im Jahr 1900 bei sechs Dollar, stieg dieser Wert bis zum Jahr 1980 auf etwa 450 Dollar, um sich danach in kürzester Frist zu vervierfachen. 2007 erreichte der Pro-Kopf-Weltexport mehr als 2000 Dollar - trotz stark wachsender Weltbevölkerung. In absoluten Zahlen stehen dahinter Weltexporte von 9,9 Milliarden Dollar im Jahr 1900 und von knapp 14.000 Milliarden Dollar im Jahr 2007. Diese Zahlen belegen eine weit fortgeschrittene internationale Arbeitsteilung, von der (fast) alle profitierten, insbesondere aber ein Exportland wie Deutschland.

"Deglobalisierung", also ein Zurückdrehen des Prozesses der Globalisierung, dürfte die größte Gefahr im Zuge der aktuellen Krise sein. Professor Niall Ferguson, Wirtschaftshistoriker an der Harvard-Universität, spricht von einem "Albtraumszenario". Das wäre "eine komplette Wiederholung der Geschichte und ein Zusammenbruch der Globalisierung".

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In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Protektionismus, damals ausgelöst von den USA, die Hauptursache für die tiefe und lang anhaltende Depression. Am 17. Juni 1930 wurde in den USA der sogenannte Smoot-Hawley-Zolltarif beschlossen, mehr als 20.000 Produkte wurden mit Zöllen von bis zu 60 Prozent belastet. Aufgebrachte Regierungen in aller Welt antworteten mit ähnlich hohen Zollsätzen für amerikanische Waren. Der Welthandel brach in der Folge um mehr als die Hälfte ein. Die enormen Vorteile der internationalen Arbeitsteilung gingen den Bach hinunter.

Die Gefahr des Protektionismus beruht vor allem auf dessen populistischem Potenzial. Politiker sind versucht, die Zustimmung der Massen mit protektionistischen Maßnahmen zu erlangen. Das Konjunkturpaket des US-Kongresses, in dem für Infrastrukturinvestitionen die Verwendung von Eisen oder Stahl ausschließlich aus dem Inland vorgeschrieben ist, wirkt da wie ein Fanal. Auch wenn Präsident Obama offiziell vom "Buy American" abrückte, ist eine Kettenreaktion nicht ausgeschlossen. Der spanische Industrieminister Miguel Sebastián drückt es so aus: "Es gibt etwas, das die Bürger für ihr Land tun können: auf Spanien und seine Produkte setzen."

Gott sei Dank bildet die EU ein gewisses Bollwerk gegen derartige nationale Egoismen. Und es gibt besonnene Stimmen. So sagt Bundeskanzlerin Merkel: "Wir brauchen eine offene Weltwirtschaft." Der britische Premier Brown sekundiert: "Protektionismus wäre der todsichere Weg von der Rezession in die Depression." Sogar der russische Ministerpräsident Putin gibt sich antiprotektionistisch: "Wir dürfen nicht in Isolationismus und unbeschränkten ökonomischen Egoismus zurückfallen." Auf eine lange Haltbarkeit dieser Aussagen sollte man sich jedoch nicht verlassen.

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