Freitag, 16. November 2018

Grünenthal Der Pillenkrieg

Grünenthal steckt in der schwersten Krise seit dem Contergan-Skandal. Die Stammesfehde der Eigentümerfamilie Wirtz gefährdet die Zukunft des letzten unabhängigen Pharmaunternehmens in Deutschland.

Holzvertäfelte Wände, Teppich mit Karomuster, ergraute Herren - die gute alte Zeit war sehr präsent am 16. Juni 2008 in der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Aachen. Viel lokale Prominenz war gekommen, um den Mann zu verabschieden, der nicht nur elf Jahre an der IHK-Spitze gestanden hatte, sondern die Region ganz tief im Westen der Republik auch sonst seit Langem prägt: Michael Wirtz.

Mehr als drei Jahrzehnte war Wirtz Geschäftsführer des Pharmaunternehmens Grünenthal und damit Häuptling eines der reichsten Familienclans in Deutschland (Vermögen: 2,7 Milliarden Euro). Und noch immer sitzt der 69-Jährige im Direktorium des Karlspreises, ist Honorarkonsul von Ecuador in Nordrhein-Westfalen (NRW) und nennt sich führender Ritter des elitären katholischen Ordens vom Heiligen Grab.

Es blieb der NRW-Wirtschaftsministerin Christa Toben überlassen, in ihrer Laudatio auf den scheidenden IHK-Präsidenten das zu sagen, was sich bei dieser Vita aufdrängte: "Chancen nutzen, Herausforderungen annehmen und in Erfolge verwandeln - das war Ihr Motto."

Keine Frage, es war das Motto des Michael Wirtz. Aber seine Fortüne hat ihn inzwischen verlassen. Denn kurze Zeit nach den warmen Ministerworten erwischte es den Aachener Patriarchen eiskalt. Äußeres Zeichen: Im November trat sein Sohn Sebastian, der ihm 2005 in der Geschäftsführung von Grünenthal gefolgt war, zurück. Offiziell, versteht sich, auf eigenen Wunsch. Tatsache aber ist: Außer seinem Vater hatte Sebastian alle Unterstützer verloren.

Der Abgang Sebastians ist mehr als eine Personalie, er zeigt, dass Grünenthal in der schwersten Krise seit fast 50 Jahren steckt. Damals hatte der Skandal um das Schlafmittel Contergan, das schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen verursachte, den Pharmahersteller fast ruiniert. Jetzt könnten Familienstreitigkeiten zu einem unrühmlichen Ende eines der letzten großen privat geführten Pharmaunternehmen Deutschlands führen.

"Früher hörten bei Grünenthal alle auf das Kommando von Michael Wirtz. Heute läuft dagegen alles nach dem Prinzip ,Er gegen den Rest der Welt'", sagt ein Insider. Die 19 Gesellschafter der Firma gehören drei Familienstämmen an - und die sind tief gespalten. Man zofft sich vor Gericht und intrigiert in perfider Perfektion - so wie es nur Verwandte schaffen.

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