Mittwoch, 19. Dezember 2018

Reichen-Studie Ganz oben

5. Teil: "Ich habe nichts gegen Steuern"

Wer am frühen Morgen um die Hamburger Außenalster joggt, kann bisweilen einem flott dahintrabenden weißhaarigen Mann begegnen. Der Mann heißt Klaus-Michael Kühne. So oft es geht, verbringt der 71-jährige Logistikunternehmer (Kühne + Nagel Börsen-Chart zeigen) Zeit in seiner geliebten Geburtsstadt Hamburg, schwärmt für den HSV und spendet für die Elbphilharmonie.

Wild und Hund: Als Erbe des Berufsbekleidungskonzerns Boco war Haymo Rethwisch zum Unternehmer bestimmt. Doch seine Leidenschaft gehörte von kleinauf der Natur. Mitte der 90er erfüllte sich Rethwisch seinen Lebenstraum: Er verkaufte die Firma, brachte einen Teil des Erlöses in seine Deutsche Wildtier Stiftung ein und zog mit Gattin Alice auf ein 2000 Hektar großes Gut in Vorpommern. Dort leben die Rethwischs ein Leben wie aus Fontanes Zeiten. Sie produzieren naturnahe Lebensmittel (www.gourmet-manufaktur.de) und wollen möglichst vielen Wildtieren auf ihrem Gut eine Heimat geben. Aber die Naturliebe hat Grenzen: Weil das alte Herrenhaus direkt neben den Stallungen liegt, bauten sich die Rethwischs einige hundert Meter entfernt ein neues.
Andrej Glusgold
Wild und Hund: Als Erbe des Berufsbekleidungskonzerns Boco war Haymo Rethwisch zum Unternehmer bestimmt. Doch seine Leidenschaft gehörte von kleinauf der Natur. Mitte der 90er erfüllte sich Rethwisch seinen Lebenstraum: Er verkaufte die Firma, brachte einen Teil des Erlöses in seine Deutsche Wildtier Stiftung ein und zog mit Gattin Alice auf ein 2000 Hektar großes Gut in Vorpommern. Dort leben die Rethwischs ein Leben wie aus Fontanes Zeiten. Sie produzieren naturnahe Lebensmittel (www.gourmet-manufaktur.de) und wollen möglichst vielen Wildtieren auf ihrem Gut eine Heimat geben. Aber die Naturliebe hat Grenzen: Weil das alte Herrenhaus direkt neben den Stallungen liegt, bauten sich die Rethwischs einige hundert Meter entfernt ein neues.
Dennoch wohnt Kühne in Hamburg in einem anonymen Kettenhotel und fliegt spätestens nach ein paar Tagen zurück gen Zürich. Als vor einigen Jahren Kühnes Mutter starb, hat er sogar sein Hamburger Elternhaus verkauft, "das fiel mir schon schwer".

Kühne führt ein Flüchtlingsleben im Reichtum. Vor 33 Jahren folgte er seinem Vater, der den Firmen- und Wohnsitz von Hamburg in die Schweiz verlegte - auf der Flucht vor hohen Steuern und Willy Brandts Mitbestimmungsgesetzen.

Heute könnten bereits kleine Zeichen eines Zweitwohnsitzes in Hamburg oder auch nur ein allzu langer Aufenthalt in der Stadt dazu führen, dass Kühne in Deutschland wieder steuerpflichtig wird. Die Differenz zu den niedrigen Steuersätzen der Schweiz würde mehrere Millionen Euro pro Jahr betragen.

Viel Geld einerseits. Andererseits nicht besonders viel Geld, wenn man wie Kühne 4,1 Milliarden Euro besitzt, keine Kinder hat, an die man das Vermögen weiterreichen könnte, und noch nicht einmal an ein Leben nach dem Tod glaubt. Wäre es da nicht schöner, den Lebensabend in der geliebten Heimat zu verbringen?

"Ach, nach 33 Jahren fühle ich mich auch am Zürichsee zu Hause", antwortet Klaus-Michael Kühne. Dann zögert er ein wenig und sagt schließlich: "Ich habe nichts gegen Steuern. Ich hätte nur gern das Gefühl, dass sie für die richtigen Dinge ausgegeben werden."

Es ist genau dieses Gefühl, das viele Millionäre plagt: Während sie selbst mit Leidenschaft daran arbeiten, ihr Vermögen für die nächste Generation zu mehren, verstößt der deutsche Staat in ihren Augen unablässig gegen dieses Nachhaltigkeitsdogma. Anders als im eigenen Betrieb können die Reichen den Missstand nicht einfach mit einem Telefonat beenden. Ein permanenter Affront.

Solche Befindlichkeiten können den Deutschen nicht egal sein. Sollten es nur ein paar mehr Millionäre Klaus-Michael Kühne gleichtun und ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen, sollte die Oberschicht ihren Arbeitseinsatz und ihre Investitionen hierzulande auch nur ein klein wenig zurückfahren - Olaf Scholz könnte sein Sozialministerium schließen. Die oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher erbringen in Deutschland über die Hälfte des Einkommensteueraufkommens. Umgekehrt sorgen die unteren 50 Prozent der Einkommensbezieher gerade mal für 6,5 Prozent der Einkommensteuer.

Der obere und der untere Rand der Gesellschaft, ihre Schicksale sind durch ein unsichtbares Band verknüpft. Wer denen ganz unten helfen will, muss verstehen, wie die ganz oben denken.

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