Dienstag, 11. Dezember 2018

Alfred Rappaport "Die nächste Krise wird kommen"

Alfred Rappaport über die ewige Gier nach dem schnellen Geld.

mm: Herr Rappaport, wie fühlen Sie sich, wenn man Sie in diesen Zeiten als Vater des Shareholder-Value bezeichnet?

 Mister Shareholder-Value Der Wissenschaftler: Alfred Rappaport lehrte 28 Jahre als Managementprofessor an der Northwestern University in Chicago, heute lebt der 76-Jährige in einem Vorort von San Diego. Bekannt wurde Rappaport 1986 mit dem Werk "Creating Shareholder Value". Die Theorie: Nicht Vermögenswerte in der Bilanz sollten den Wert eines Unternehmens bestimmen, sondern die Summe aller zukünftigen Barmittelüberschüsse ("Cashflow"). Mit dieser heute allgemein anerkannten Erkenntnis löste Rappaport eine Managementrevolution aus. Hohe Eigenkapitalrenditen gepaart mit wachsenden Umsätzen gelten seither als Königsweg.
Volker Corell

Mister Shareholder-Value

Der Wissenschaftler: Alfred Rappaport lehrte 28 Jahre als Managementprofessor an der Northwestern University in Chicago, heute lebt der 76-Jährige in einem Vorort von San Diego. Bekannt wurde Rappaport 1986 mit dem Werk "Creating Shareholder Value".

Die Theorie: Nicht Vermögenswerte in der Bilanz sollten den Wert eines Unternehmens bestimmen, sondern die Summe aller zukünftigen Barmittelüberschüsse ("Cashflow"). Mit dieser heute allgemein anerkannten Erkenntnis löste Rappaport eine Managementrevolution aus. Hohe Eigenkapitalrenditen gepaart mit wachsenden Umsätzen gelten seither als Königsweg.

Rappaport: Oh, ich fühle mich gut. Wir sollten uns daran erinnern, worum es beim Shareholder-Value-Konzept wirklich geht: Ja, es geht um steigenden Cashflow, aber es geht auch um Langfristigkeit und Risikoabschätzung. Wären diese Prinzipien universell praktiziert worden, dann hätten wir jetzt keine Finanzkrise.

mm: In der öffentlichen Meinung verhält es sich genau umgekehrt. Da gilt Shareholder-Value als Synonym für kurzfristige Profitgier und als mitverantwortlich für die Finanzkrise. Alles nur ein Missverständnis?

Rappaport: Absolut! Es ist sogar mehr als nur ein Missverständnis. Die ursprüngliche Bedeutung von Shareholder-Value wurde regelrecht beiseitegestoßen und der Begriff von jenen gekapert, die keinerlei Interesse an der langfristigen Entwicklung von Unternehmen haben. Nämlich von Fondsmanagern und Vorständen, deren Entlohnung vor allem an der kurzfristigen Entwicklung der Aktienkurse hängt.

mm: Glauben Sie, dass die Finanzkrise dazu führen wird, dass das Management langfristiger plant?

Rappaport: Die Finanzkrise ist in jedem Fall ein heilsamer Schock, und kurzfristig mag sie auch zu einer gewissen Zurückhaltung führen. Aber solange wir nicht alle die Art überdenken, wie wir unser Geld anlegen, wird sich nichts ändern. Die meisten Menschen wollen langfristig sparen, etwa für den Ruhestand. Doch sie vertrauen ihr Geld Investmentfonds an, in denen Fondsmanager für kurzfristige Performance entlohnt werden. Die drängen wiederum auf eine entsprechende Kurzfristorientierung bei den Unternehmen. Solange sich an dieser Konstellation nichts ändert, wird die nächste Krise kommen. Das mag fünf oder zehn Jahre dauern, aber sie wird kommen.

mm: Kann die Politik etwas ändern?

Rappaport: Lustige Frage! In den USA war es ja die Politik, die die Finanzkrise überhaupt erst möglich gemacht hat. Es war politisch gewollt, dass immer mehr Bürger immer höhere Hypothekenkredite bekamen, auch wenn sie sich die gar nicht leisten konnten. Natürlich werden jetzt einige Bestimmungen wieder verschärft, und das ist auch vernünftig. Aber ein wirklicher Wandel kann nur vom privaten Sektor ausgehen.

mm: Inwiefern?

Rappaport: Wir müssen dahin kommen, dass Manager so entlohnt werden, dass sie ein Interesse an einer langfristigen Wertsteigerung des Unternehmens haben, zehn Jahre oder länger. Das funktioniert nur, wenn auch die Anleger diese langfristige Wertsteigerung akzeptieren. Aber da ist uns leider oft etwas im Weg, was man Gier nennen könnte - oder auch menschliche Natur.

mm: Wenn Sie morgen 100.000 Dollar anlegen müssten, was würden Sie tun?

Rappaport: Neulich hat mir ein Freund eine ähnliche Frage gestellt. Er ist Mitte 70, und es würde sein Leben nicht wirklich verändern, wenn er seine Ersparnisse verdoppelt - wohl aber, wenn er auch nur einen kleinen Teil davon verliert. Ich habe ihm zu inflationsindexierten US-Staatsanleihen geraten.

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