Mittwoch, 14. November 2018

Kunst der Gegenwart Wegweiserin

3. Teil: So entsteht der Kunstkompass

Viele aus dem intellektuellen Völkchen aus der Lindenstraße - allen voran Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff - beteiligten sich an der Weiterentwicklung des Kompasses, den das Paar Rohr-Bongard gemeinsam erstellte. Bis heute helfen Künstler und Kuratoren mit, die wichtigsten Ausstellungen zu identifizieren, feilen mit an der Bewertung. So stieg die Zahl der Parameter kontinuierlich an. Mit der Bemessungsgrundlage wuchs auch das Ansehen dieses einmaligen Bewertungssystems, von dem Baselitz gesteht: "Ich bin immer sehr, sehr neugierig auf die Ergebnisse."

Dann 1985 der Schicksalsschlag. Willi Bongard, der inzwischen gemeinsam mit seiner Frau und Beuys in Nümbrecht im Oberbergischen Land eine Schule für Kreativität betrieb, starb bei einem Autounfall. Beuys musste all seine Überzeugungskraft aufwenden, um Bongards Partnerin zu überreden, die Rangliste weiterzuführen.

Nachdem sie sich jedoch für den Kompass und gegen ihre Künstlerkarriere entschieden hatte, stürzte sich Rohr-Bongard mit der ihr eigenen Verve in die Arbeit. 1988 renovierte sie das Bewertungsschema gründlich. Zu fest hatten sich die Superstars, die mit ihren über die Jahre aufgehäuften Punkten einen uneinholbaren Kontostand erreicht hatten, an der Spitze eingenistet. Gemeinsam mit einem Informatiker entwickelte sie ein neues System, das in der Vergangenheit erwirtschaftete Punkte auf einem Sonderkonto deponierte und somit auch dem Nachwuchs eine Chance eröffnete.

Zudem erfasste sie nur mehr lebende Künstler. Verstorbene Ikonen wie Andy Warhol und Beuys existieren weiter in der Sonderauswertung "Olymp" und akkumulieren dort weiter fleißig Ruhm in ihrer eigenen Kategorie.

Zudem dehnte die agile Journalistin das Spektrum der in der Wertung berücksichtigten Ausstellungen und Publikationen sowie die Zahl der erfassten Künstler enorm aus. Möglichst viele der wichtigen Museen, der Biennalen und Messen besucht sie selbst. Regelmäßig arbeitet sie sich durch die Literatur von "Flash Art" bis "Art in America". Auf der Suche nach Trends und jungen Künstlern jettet sie um die Welt - allein in den vergangenen 16 Monaten nach Istanbul, Singapur, Abu Dhabi, Peking und Shanghai. Und daneben natürlich zu den üblichen Verdächtigen von der Nationalgalerie in Berlin über die Tate Modern in London und das Moma in New York bis zum Kunsthaus Zürich.

"Immer in Bewegung bleiben, damit sich was bewegt", nennt sie ihren Wahlspruch - und auch den Grund für ihren Wechsel vom Rhein an die Elbe. Für seinen neuen Auftritt bei manager magazin verpasst die Herausgeberin ihrem Kompass deshalb erneut ein Lifting.

Sie modifizierte mit ihrem langjährigen Technikpartner, der die unzähligen Daten zu den derzeit rund 16.000 Künstlern in ihrem Computer betreut, den Rechenmodus. Die in den vergangenen fünf Jahren ergatterten Punkte werden dabei stärker gewertet als ältere, wobei die letzten zwölf Monate das prozentual größte Gewicht erhalten.

Auch das Portfolio an Ausstellungen wuchs weiter - auf insgesamt 233 Museen und 118 Gruppenevents. Rund 40 neue Venues kamen hinzu - darunter Bombay, Seoul, Delhi, Peking und Moskau. Begeistert berichtet die Fachfrau, die Biennale in Istanbul sei "fantastisch experimentierfreudig" und Peking entwickle sich zum "brausenden Kulturzentrum".

Und mittendrin im Brausen und Toben der verwirrend schillernden Kunstwelt steht ihr Kompass - und gibt Orientierung.

Linde Rohr-Bongard: Ihr Leben für die Kunst

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© manager magazin 11/2008
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