Mittwoch, 18. Juli 2018

Kommentar Das postamerikanische Zeitalter

Manchmal geht die historische Entwicklung einschläfernd langsam - über lange Zeiträume passiert wenig Weltbewegendes. Doch dann überschlagen sich die Dinge plötzlich: Große Veränderungen vollziehen sich schnell - politisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Wir erleben es gerade.

Horrorszenario oder neue Perspektive? Amerikas Niedergang hinterlässt eine instabile Welt
Vieles geht zu Ende in diesen Wochen: der angelsächsisch geprägte Finanzkapitalismus mit seinem Grundvertrauen in die Eigenverantwortung des Individuums und die Stabilität der Märkte; die Erwartung schnellen Reichtums (für wenige) und der Traum von bescheidenem Wohlstand (für viele); zu Ende geht - auch das - die Nachkriegszeit mit ihrem US-zentrierten globalen Machtgefüge. Wir sind Zeitzeugen des Beginns des postamerikanischen Zeitalters. Der Weltmachtstatus der USA, seit einiger Zeit bereits angekratzt, verfällt im Zuge der Krise rapide.

Jahrzehntelang fußte Amerikas globale Machtfülle auf drei Säulen: Soft Power - die Anziehungskraft des amerikanischen Versprechens von Wohlstand und Freiheit; Hard Power - die einzige Militärmaschinerie von weltweiter Reichweite; und Cash Power - die USA hatten den größten Binnenmarkt der Welt, auf den all die anderen Länder exportieren wollten, und sie hatten eine Finanzindustrie, die dafür sorgte, dass der Rest der Welt den USA die nötigen Dollars lieh, um diese Nachfrage zu finanzieren.

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Alle drei Säulen wackeln, um es vorsichtig zu formulieren.

Amerikas Soft Power hat sich in den Jahren unter der Bush-Administration weitgehend verflüchtigt (Guantanamo, stagnierende Einkommen). Was die Hard Power betrifft, so hat der Nimbus des US-Militärs arg gelitten (Irak, Afghanistan). Und die Cash Power - nun ja, auch wenn die USA nach wie vor eine junge Nation mit der Fähigkeit zur Neuerfindung sind (siehe mm 9/2008, S. 86), so löst sich die Geldsupermacht gerade in der finanziellen Kernschmelze auf: Auf Jahre werden die USA nicht mehr der globale Wachstumsmotor sein. Damit aber entfällt die bisherige Geschäftsgrundlage des Dollar-Recyclings: Weil die US-Bürger nicht mehr sparen, mussten sich die USA zuletzt 700 bis 800 Milliarden Dollar im Ausland leihen, Jahr für Jahr. Das sind ziemlich genau die jährlichen Kosten des US-Militärapparats. Nun kommt noch einmal die gleiche Summe für die Rettung der Banken dazu, wenn's reicht.

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© manager magazin 11/2008
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