Samstag, 26. Mai 2018

Enercon Vom Winde verwöhnt

3. Teil: Ingredienzien der Infamie

Die Konkurrenz stichelt zwar, Wobbens Technik mache die Anlagen schwer, Unmengen teures Kupfer würden gebraucht, für den Einsatz auf hoher See sei diese Technologie völlig ungeeignet. Unlängst jedoch kündigte der Strategiechef von Siemens eigene getriebelose Windmühlen an. An der Idee scheint doch etwas dran zu sein.

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Wobben nutzt die Verlässlichkeit der eigenen Anlagen zu klugen Koppelgeschäften. Er schließt mit seinen Kunden langfristige Wartungsverträge ab, an denen er umso besser verdient, je trutziger seine Rotoren ihren Dienst versehen.

Dass da in deutscher Provinz kein Spinner am Werk ist, sondern ein handfester Ingenieur und Geschäftsmann, ging unter Kennern schon in den 90er Jahren um. Die Manager des US-Unternehmens Kenetech Windpower faszinierte seine Erfindungsgabe derart, dass sie dreist zur Spionage schritten - im Verein mit dem US-Abhördienst NSA. Es entspann sich, 1994/1995, eine Affäre, die Aloys Wobben bis heute traumatisiert hat. Denn sie besitzt alle Ingredienzien der Infamie.

Die Späher der Washingtoner Spionagebehörde NSA fingen in der Telefonzentrale von Enercon geheime Codes ab und gaben sie Kenetech weiter. Die Kenetech-Spione nutzten die Daten, um in eine Windkraftanlage von Enercon einzudringen und sie in aller Ruhe zu sezieren. Der Eindringling kopierte die Technik und ließ sie in den USA patentieren. Und verklagte die Deutschen - wegen angeblichen Abkupferns.

Wobben wollte sich vor Ort in Washington verteidigen. Er wurde schwer gedemütigt. Einem Verbrecher gleich wurde er vorgeführt. Während zwei Wochen musste Wobben sich fast jeden Tag von den gegnerischen Anwälten verhören lassen.

Der Prozess, obwohl fadenscheinig, ging zunächst verloren. Enercon wurde mit einem Exportverbot in die USA bis 2010 belegt. Kenetech ging trotz des Ideenraubs unter. Mit dem Rechtsnachfolger General Electric einigte sich Enercon 2004. Seither dürfte Aloys Wobben wieder in die USA liefern. Doch jetzt will er nicht mehr. Sein Lebtag, ließ er Freunde wissen, werde er keinen Fuß mehr auf amerikanischen Boden setzen.

Der US-Albtraum hat bei Wobben bleibendes Misstrauen geschürt. Auch China schließt er in sein Lieferembargo mittlerweile ein, dort wähnt er seine Ideen erst recht nicht sicher. Neue Einfälle lässt er sich nun in ganz großem Stil schützen. Wettbewerber beklagen schon Übertreibungen. So habe Enercon exklusiv das Recht ergattert, die Türme von Windkraftanlagen farbig streichen zu lassen. Nur das fade Weiß hätten die Ostfriesen den anderen übrig gelassen.

© manager magazin 11/2008
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