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12. August 2008, 07:57 Uhr

Hubert Burda

Letzter seiner Art

Von Klaus Boldt

Hubert Burda - vom manager magazin jüngst in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft aufgenommen - ist ein Verleger, wie man ihn in Deutschland kaum noch findet: gebildet, weltgewandt, ein Kind der Kultur und Moderne.

Der einzigartige und ganz erstaunliche deutsche Verleger Hubert Burda glaubt fest daran, dass Wahrheit und Schönheit auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft seien und dass deshalb auch ein rätselhafter Zusammenhang bestehen müsse zwischen Qualität und Kunst oder Kasse, um es mal so auszudrücken.

Beweisen lässt sich diese Theorie nicht. Aber sie hat ihren Reiz, und einiges spricht dafür, dass sie stimmt: die Vorstellung, dass zumindest ein Teil der glänzenden und hochbedeutsamen Geschäfte, die der Mensch täglich tätigt, auch einem herrlichen und unermesslichen, wenn auch unbekannten Zweck dienen könnte, und dass das Schöne, Gute und die Waren in einen harmonischen Dreiklang zu bringen sind.

"Ein Verleger, der nicht in der Welt der Literatur oder, vor allen Dingen, in der Welt der Kunstgeschichte lebt: Was soll denn dem einfallen?", fragt Burda. "Das hängt doch alles zusammen." Es klingt so schön, um wahr zu sein.

Aufgewachsen in der Kreisstadt Offenburg im Ortenau, seit der Studentenzeit aber hauptsächlich in München lebend, hat sich Burda den sanft schwingenden Tonfall des ganzen Südens angeeignet, der weich und hügelig und nicht unangenehm anzuhören ist.

Er ist ein gestauchter Mittelgewichtler von gut einem Meter fünfundsiebzig, mit kleinen, flinken Augen, die nachdenklich, aber auch wachsam sind. Er ist 68 und hat immer noch Mumm in den Knochen. Früher stand er gern im Ring: steife Geraden, Links-rechts-Kombinationen, Haken. Schwinger, tänzeln, wegducken, klammern. Das macht zäh und hält die Bewegungen flüssig.

Etwas Verschmitztes ist ihm eigen, wobei seine Frau, die Schauspielerin Maria Furtwängler (41) meint, es sei eher etwas Lausbübisches. Nun, sie weiß es besser. Burdas Züge, jeder für sich, sind ein wenig falsch, aber in sich ausdrucksvoll und stimmig. Er ist einer jener Menschen, die den Eindruck erwecken, dass man sie mit Sicherheit irgendwo schon einmal gesehen hat.

Des Werktags, wenn der Morgen graut über den Anwesen in München-Bogenhausen oder am Tegernsee, bringt sich der Verleger von "Focus", "Bunte", "Elle" und "TV Spielfilm" mit Versen in Schwung: Eichendorff ("Und meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus"), Krüger ("Im Dunkeln suchen wir/In den alten Wörterbüchern/Nach der exakten Bedeutung von Glück"), Rilke ("Manchmal geschieht es in tiefer Nacht/Dass der Wind wie ein Kind erwacht"). Am Sonntag in aller Herrgottsfrühe begibt er sich in sein Atelier, das niemand sonst betreten darf, und malt.

"Hubertus spirituoso"

Burda ist natürlich Kunsthistoriker und ein großzügiger Förderer der Wissenschaften und Kulturen. Er kann nicht nur boxen, sondern auch Trompete spielen.

  Stationen eines Lebens        Privat:  Hubert Burda, geboren am 9. Februar 1940 in Heidelberg, ist mit der Schauspielerin Maria Furtwängler verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.    Beruf:  Burda ist promovierter Kunsthistoriker und Träger zahlreicher Auszeichnungen im In- und Ausland. Von 1976 bis 1985 war er Chefredakteur der "Bunten". Nach dem Tod des Vaters teilten die Burda-Brüder das Erbe unter sich auf. Hubert Burda übernahm den Verlag und baute ihn zu einem der angesehensten europäischen Medienkonzerne aus. Zu seinen größten Erfolgen gehörte die Einführung des Magazins "Focus" im Januar 1993.
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Stationen eines Lebens

Privat: Hubert Burda, geboren am 9. Februar 1940 in Heidelberg, ist mit der Schauspielerin Maria Furtwängler verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.
Beruf: Burda ist promovierter Kunsthistoriker und Träger zahlreicher Auszeichnungen im In- und Ausland. Von 1976 bis 1985 war er Chefredakteur der "Bunten". Nach dem Tod des Vaters teilten die Burda-Brüder das Erbe unter sich auf. Hubert Burda übernahm den Verlag und baute ihn zu einem der angesehensten europäischen Medienkonzerne aus. Zu seinen größten Erfolgen gehörte die Einführung des Magazins "Focus" im Januar 1993.

Er fährt Ski und spielt Tennis, beides mehr als passabel, er steigt Berg und ist mit einem Geschäftssinn ausgestattet, der ihn zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der Republik und zu einem der ungewöhnlichsten Vertreter seines Standes gemacht hat.

Als Burda am 4. Juni im "Schlosshotel Kronberg" in die manager magazin Hall of Fame aufgenommen wurde, nannte ihn sein Freund Lord George Weidenfeld, der britische Verleger, in seiner Laudatio einen "Bekenner und Bekehrer" und, etwas untertreibend, "eine vielfältige Begabung". Für ihn sei er "Hubertus spirituoso: ein Kulturmensch, geistreich und witzig".

Der Münchener Gesamtgelehrte ist ein Großverleger klassischen Gepräges, wie man ihn heute kaum mehr findet: von strenger Milde, sorgend und sich kümmernd in einer Gilde, die von Managern dominiert wird, die alle 20 oder 30 Jahre jünger sind als er und von Journalismus und Kultur keine Ahnung haben oder keine Ahnung haben wollen und die statt Zeitungen und Zeitschriften genauso gut Klingeltöne oder Klamotten verkaufen könnten - oder auch nicht, wenn man den allgemeinen Verfall der Auflagen in Betracht zieht.

"Ich bin Stifter des Hermann-Lenz-Preises für Literatur und auch Verleger der 'Bunten'", sagt Burda, "und das bereitet manchen Menschen Kopfzerbrechen." Er ist anders als die modernen Kräfte der Innung und seltsamerweise ist er ihnen trotzdem meistens voraus.

Entflammen und beflügeln können ihn der "Kommunikationsmarkt der Zukunft" und das "Internetzeitalter", der jüngste Roman seines Freundes Peter Handke genauso wie die Hirnforschung oder Goethe oder Florenz im 15. Jahrhundert oder "Focus" oder "digitale Medien" oder überhaupt alles im buchstäblichen Sinne Mögliche. Oder seine Frau. Er redet gern über sie. Er sagt nicht "meine Frau". Er sagt: "Maria ".

"Ein Moment der Befreiung"

Burda geht einer anspruchsvollen Redeweise nach. Wenn er spricht, späht er zwischendurch gern einmal ins Leere und Nachdenkliche, als lauschte er den kleinen, unbedeutenden Lauten, die immer zu hören sind, auch wenn es ganz still ist. Aber er denkt einfach nur nach: Er liebt es, sich klar auszudrücken, und er ist ein Mann, der es gewohnt ist, geduldige Zuhörer zu haben. Kurz, man hat Sorge, dass er mit all dem, was ihn beschäftigt, nicht fertig werden könnte.

Vor 22 Jahren hat er die Führung des väterlichen Unternehmens übernommen und den Umsatz auf heute 1,69 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Der Kampfrekord des Kunstfreundes ist beachtlich, seine Statistik beeindruckend.

Verlegte das Haus 1986 nur 15 Zeitschriften in Deutschland, sind es heute 74 (und 262 auf der ganzen Welt). Unter Burdas Regie führte der Konzern mehr neue Titel ein als jeder andere deutsche Großverlag. Ihm gehören Dutzende von Internet- und Radiobeteiligungen, TV-Produktions- und Direktmarketingfirmen. Burda verwandelte das Offenburger Druck- und Verlagshaus in einen eleganten europäischen Medienkonzern.

Die Jahre, die er durchlebt und viele davon auch durchlitten hat, waren lange Zeit geprägt von einer machtvollen Vaterfigur: Franz Burda (1903 bis 1986), ein Held der Aufbaujahre und des Wirtschaftswunders. Auch seine Mutter, die 2005 verstorbene Aenne Burda, war eine erfolgreiche Verlegerin ("Burda Moden"), ebenso draufgängerisch wie geschäftstüchtig. Und so schritten die Erwartungen neben Hubert Burda her wie Wächter neben einem Gefangenen.

Der jüngste von drei Brüdern floh aus der Offenburger Provinz in die Literatur und Philosophie: Las Heidegger, Sartre, ging nach München, zog durchs Schwabing der 60er Jahre, wollte Maler werden, Kunst studieren - und einigte sich mit dem Vater auf die Kunstgeschichte.

Ins elterliche Unternehmen trat Hubert Burda 1966 ein, amtierte von 1976 bis 1985 als Chefredakteur der "Bunten". Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr, für ihn auch "ein Moment der Befreiung", wurde das Erbe auf sein Betreiben hin "fair auseinanderdividiert": Die drei Brüder waren zu der Auffassung gelangt, dass sie getrennt weiter kämen als gemeinsam. Hubert Burda bekam das Stammgeschäft, Verlag und Druckereien, seine Brüder nahmen die Vertriebsfirmen in ihre Obhut, Papierfabriken und einen Anteil am Springer-Verlag, wegen dessen Verkauf Burda seine Brüder später erfolglos verklagte.

"Ein Eigentümer kann nicht aufhören"

Im Laufe der Jahre hat Burda die seinem Künstlernaturell innewohnende Verwegenheit zu einer eigenen Methodik kühner Unternehmensführung vervollkommnet, in der keine Technik des Experimentierens und Expandierens vernachlässigt wurde: weder die Mittel der Beschwörung noch des Anschleichens oder Überrumpelns. Mit immer neuen Titeln versetzte er das Traditionshaus in mediale Dauererregung.

Nicht alles konnte gelingen: Die deutsche Ausgabe des Wirtschaftsmagazins "Forbes" etwa oder das Internetportal Europe Online endeten tragisch. Zum Debakel entwickelte sich sein gegen die "Bild"-Zeitung aufgebotenes Kampfblatt "Super": 30 Millionen Euro kostete ihn der Angriff und viel Ansehen noch dazu. "Die Schlacht hat man verloren. Das gehört dazu", sagt Burda. "Wenn man herausfordert, kann man in die Fresse kriegen, und dann steckt man's ein, und dann geht's wieder weiter."

Tatsächlich forderte der beherzte Münchener schon zwei Jahre später, 1993, den nächsten Marktführer heraus, diesmal den SPIEGEL - und diesmal machte er alles richtig: Die Nachrichtenillustrierte "Focus", gemeinsam mit Chefredakteur Helmut Markwort entwickelt und etwas in ihrer Art bis dahin völlig Neues, wurde zu einem verlegerischen Triumph. Ein "Lebenstraum" (Burda) erfüllte sich. Sieben Jahre nach dem Tod seines Vaters trat Hubert Burda aus dessen Schatten.

Die Zukunft ist nichts, was einem Mann wie Burda Sorgen bereitete. Nach der FAZ-Gruppe und Bertelsmann genießt sein Haus das höchste Ansehen unter allen deutschen Medienunternehmen.

Der tragisch frühe Tod seines Sohnes Felix 2001, Kind aus erster Ehe, hat die Familie freilich einer Generation beraubt. Seine Kinder mit Maria Furtwängler, Jacob (18) und Elisabeth (16), kommen als direkte Nachfolger kaum in Betracht. Lange Zeit galt der Konzern deshalb als Übernahmekandidat.

Doch Burda ("Ein Eigentümer kann nicht aufhören") hat sich entschlossen weiterzumachen, denn die Zeiten sind rau und ungewöhnlich, mithin ganz nach seinem Geschmack.

Erbittert kämpfen Verlage um Leser und Anzeigenkunden, die sich massenhaft dem Internet zuwenden: "Wir leben in einer Schwellenzeit", schwärmt Burda. "Von den analogen zu den digitalen Medien." Etwas Besseres konnte ihm nicht passieren. Was schert ihn eine Welt vollendeter Tatsachen? "Ein Verleger", sagt er, "muss immer mit den neuen Ideen gehen."

Als Quell alles Neuen öffnet sich ihm, mehr als vielen anderen, das Internet selbst, das er zu einer Welt alles Möglichen überhöht, des gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels. Ihn erinnere das Heute, sagt er, an eine andere Zeitenwende. "Es ist", ruft er fast, "wie 1492: Was kostet das Schiff?"

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