Samstag, 27. August 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Whistleblowing Selbstmord auf Raten

Mitarbeiter, die Missstände in ihrem Unternehmen anzeigen, haben meist einen schweren Stand. Da wird gemobbt, gedemütigt und abgestraft. Die Karriere ist meist zu Ende. Ein Report aus den Untiefen der Arbeitswelt.

Wenn Kurt Zeese (54) (Name von der Redaktion geändert) seine Geschichte erzählt, könnte er sie zum Heldenepos ausschmücken. David gegen Goliath, ein einzelner Mann gegen das übermächtige Unternehmen.

Der Konflikt: Ein Manager erfährt von dubiosen Geschäftsvorgängen im Unternehmen
Andreas Teichmann
Der Konflikt: Ein Manager erfährt von dubiosen Geschäftsvorgängen im Unternehmen
Doch Zeese, schmal, mittelgroß, graue Haare, dunkler Nadelstreifen, liegen Heldengeschichten nicht. Was damit zu tun haben mag, dass er Controller war und eher Zahlen als Worte liebt.

Es liegt aber auch daran, dass er einfach nicht ahnte, worauf er sich einließ, als er auspackte. Als er seinem Vorstand berichtete, wie ein Kollege mit dem Geld der Firma über Monate hinweg seine Geliebte alimentierte.

Damals glaubte Zeese fest daran, dass der Unterhalt des erotischen Luxuslebens einer Führungskraft nicht im Sinne seines Unternehmens sei. Nie wäre er darauf gekommen, dass der Zorn der obersten Führungsspitze nicht den auf Abwege geratenen Kollegen, sondern ihn, den Überbringer der schlechten Botschaft, treffen würde. Und dass er seinen Hinweis mit dem Hinauswurf bezahlen würde.

Zeese war Finanzgeschäftsführer in einer deutschen Unternehmensgruppe der Transportbranche, die an einen internationalen Konzern verkauft wurde. Einige Monate nach dem Verkauf machte ihn einer seiner Mitarbeiter auf dubiose Rechnungen einer Dame aufmerksam, die auf keiner Payroll stand. Übernachtungen in Luxushotels, First-Class-Flüge zu exotischen Destinationen, stets begleitet vom Vorsitzenden der Geschäftsführung.

Das neue manager magazin

Titel
Die Jagd auf Wiedeking
Der Ex-Porsche-Chef in den Fängen der Justiz

Die ersten Rechnungen zeichnete Zeese widerwillig ab. Bald landeten Honorarforderungen für angeblich verfasste Marktstudien in Höhe von mehr als 40.000 Euro auf seinem Schreibtisch.

Hätte er einfach weiter schweigen, abzeichnen, wegsehen sollen? Hunderte Male hat sich Zeese diese Frage seither gestellt. Und immer kam er auf dieselbe Antwort: "Betrug an der Firma zu verhindern gehörte zu meinen Pflichten als Finanzchef. Ich musste etwas tun."

Wer handelt wie Kurt Zeese, wer bei illegalen oder unmoralischen Schiebereien in der eigenen Firma den Mund aufmacht, spielt russisches Roulette mit der eigenen Karriere. Wenn er Glück hat, hört man ihn an. Der Missstand wird abgestellt, die Verursacher werden zur Verantwortung gezogen. Vielen unternehmensinternen Kritikern mag es so gehen. Andere haben weniger Glück.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH