Montag, 10. Dezember 2018

Angela Merkel Die Abkanzlerin

Gerade wurde sie wieder zur "mächtigsten Frau der Welt" gekürt. Doch das Klima zwischen Angela Merkel und der deutschen Wirtschaftselite ist frostig. Immer mehr Unternehmer und Manager sind tief enttäuscht vom Kurs der Kanzlerin - und gehen auf Distanz.

Die Herren waren aufgebracht. Da standen sie beisammen im Kanzleramt, warteten auf die Kanzlerin - und harrten ihrer eigenen Abwicklung. Die meisten von ihnen hatten es aus der Zeitung erfahren. Erst ein paar Tage später hatte eine Merkel-Mitarbeiterin angerufen: Wie man ja sicherlich schon aus der Presse wisse, werde der Innovationsrat aufgelöst ...

Der "Innovationsrat" - jenes Gremium, in dem Topmanager wie Dieter Zetsche (Daimler) und Henning Kagermann (SAP) beisammensitzen; eine Runde, die Angela Merkel 2006 selbst als zentrale Schaltstelle für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik ins Leben gerufen hatte. Plötzlich überflüssig, unerwünscht, abgeschafft. Nun waren die Ratsmitglieder zur letzten Sitzung nach Berlin gekommen. Beim Vorgespräch, ohne Merkel, machten einige der Chefs ihrem Ärger über die Entlassung Luft. Es leuchtete ihnen zwar ein, dass Heinrich v. Pierer als Rats-vorsitzender nach der Siemens-Schmiergeldaffäre nicht mehr tragbar sei. Aber dass gleich das ganze Gremium eingestampft wird! Und überhaupt: dieser Stil!

Doch kaum war die Kanzlerin im Raum, verstummte der Protest. Keiner wagte Angela Merkel jene Frage zu stellen, die insgeheim alle bewegte: Warum haben Sie uns so abgekanzlert? Warum nehmen Sie uns in Sippenhaft für die mutmaßlichen Verfehlungen eines Einzelnen?

Eine beispielhafte Episode, in dreierlei Hinsicht.

Sie zeigt erstens, wie frostig das Verhältnis zwischen Kanzlerin und Wirtschaftselite inzwischen ist. Unternehmer und Topmanager sind tief enttäuscht von Merkels Kurs - und von der kaum kaschierten Geringschätzung, die ihnen die Kanzlerin entgegenbringt. Die Episode zeigt zweitens, wie effektiv das System Merkel funktioniert. Kaum ein Boss wagt noch, gegenüber der Kanzlerin aufzumucken oder sie gar öffentlich zu kritisieren. Denn inzwischen hat sich herumgesprochen: Auf Widerworte reagiert Merkel mit Liebesentzug. Wer sich nicht bedingungslos loyal zeigt, gilt als Gegner. Drittens illustriert das Schicksal des Innovationsrats, wie tief die Wirtschaftspolitik inzwischen gesunken ist auf der Prioritätenskala der einst feurigen Reformerin Angela Merkel.

Im Kleinkrieg der Großen Koalition hat die Regierungschefin den Machterhalt zum obersten Ziel erhoben. Wer sie unterstützt, ihr etwa zu einem medienwirksamen Auftritt verhilft, darf mit dem Wohlwollen der Kanzlerin rechnen. Wer sie aber kritisiert, womöglich gar öffentlich, muss fürchten, bei Hofe nicht mehr gelitten zu sein.

Merkel hat erkannt: Im derzeitigen gesellschaftlichen Klima ist Populismus erfolgversprechender als Reformen. Für die Politik stellt die Wirtschaftselite keinen Machtfaktor mehr dar, auf den man Rücksicht nehmen müsste. Und so werden die Wirtschaftsführer, deren Nähe Merkel zu Beginn ihrer Kanzlerschaft noch gesucht hatte, inzwischen schon mal gegängelt und abgemeiert.

© manager magazin 7/2008
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