Mittwoch, 14. November 2018

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

Sie haben Einfluss, Stil und Tradition - kaum eine Familie hat die österreichische Elite über Generationen so geprägt wie die Bankiers Treichl. Eine Nahaufnahme von Österreichs Finanzdynastie.

Eine Familie wie die Treichls aus Österreich gibt es in Deutschland nicht. Heinrich Treichl, der Patriarch, Bankier in fünfter Generation und ehemals Generaldirektor der damals international renommierten österreichischen Creditanstalt (CA), erinnert an den alten Hermann Josef Abs. Und auch die Söhne, jeder auf seine Weise, reüssieren in der Welt des Geldes.

Geld und Geltung: Andreas Treichl ist Österreichs bestbezahlter Manager

Der ältere, Michael Treichl, als kühler Investor am Londoner Finanzplatz, ein Global Player unserer Zeit. Der jüngere, Andreas Treichl, als Vorstandsvorsitzender der Ersten Bank, einst biedere Sparkasse, heute europäische Großbank mit enormem Wachstum im Osten. Dabei halten die Treichls an dem ethischen Rahmen, den jeweils die Eltern vorgaben, bis heute fest; an dem Bewusstsein, dass Einfluss und Vermögen verpflichten. Die Treichls - eine große österreichische Familie.

In der Familiengeschichte der Treichls gibt es Helden und Verlierer. Bauern und Barone. Elegante Salons und berühmte Namen. Große Vermögen und herbe Verluste. Und immer wieder schöne Frauen. Man ist sportlich. Schon Ururgroßmutter Thorsch verfügte in der Wiener Jaurèsgasse über einen privaten Tennisplatz; heute kämpft Emma, Ehefrau von Michael Treichl, beim Pferdepolo auf dem Rasen.

Man ist musisch. In dieser Familie wird und wurde musiziert - und werden bis heute Gedichte geschrieben. Man ist sozial. Helga Treichl, die verstorbene Ehefrau von Heinrich, hat Maßstäbe gesetzt, als aktive Helferin, nicht als Charity-Lady heutigen Stils. Und man ist "social". Desirée ("Desi"), Ehefrau von Andreas Treichl, hat soeben den Opernball, eine Wiener Institution, erfolgreich entstaubt.

Und was für eine Tradition! Im Gästeklo von Parnham House, Michael Treichls prachtvollem Landsitz in Südengland, hängen zwei Geldscheine an der Wand, in schmalem Rahmen, hinter Glas: ein 500-Schilling-Schein, von Vater Treichl unterzeichnet; und ein Fünf-Gulden-Schein mit Datum 1839 und der Unterschrift von Michaels Urururgroßvater, Freiherr von Ferstel. Das darf man Kontinuität nennen.

Die Tür in der Wiener Salmgasse führt nicht nur in eine herrschaftliche Wohnung voller kostbarer Bücher, Gemälde, Antiquitäten. Sie ist auch das "Sesam, öffne dich!" zu einer verlorenen Zeit. "Was mein Vater das feudale Bürgertum genannt hat - das ist weg", sagt Heinrich Treichl, bald 95 Jahre alt, noch immer ein gut aussehender Mann, gern gesehener Gast, ein kritischer Geist, wach und interessiert. Den Ersten Weltkrieg, Inflation, Auschwitz habe diese Gesellschaftsschicht nicht überlebt. "Die Vermögen sind verloren und auch der Schichtzusammenhang." Verschwunden seien damit die alten Vorurteile - aber eben auch die alten Wertordnungen. "Darin liegt die Wurzel eines verhängnisvollen Verlustes moralischer Kategorien."

Wie jeden Vormittag hat Treichl, noch unter dem Kaiser Franz Joseph im großen Österreich-Ungarn geboren, seine gymnastischen Übungen gemacht, das Buch "Die Fünf Tibeter" liegt griffbereit, ebenso das italienische Wörterbuch, er lernt gerade Italienisch, man müsse schließlich in Bewegung bleiben. Er sagt: "Ich habe Österreich viermal erlebt: k. u. k. Monarchie, Erste Republik, NS-Zeit, Zweite Republik."

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