Montag, 16. Juli 2018

Superkapitalismus Auf der Kippe

Die globalisierte Marktwirtschaft hebelt die Glaubwürdigkeit der Demokratie aus. Warum? Weil die meisten Bürger nicht mehr glauben, sie könnten bei diesem Spiel gewinnen. Die Folge: Das Vertrauen schwindet - in die Wirtschaft, in die Politik, in die Zukunft.

Es liegt etwas in der Luft. Wie bei einem heraufziehenden Unwetter, wenn sich der Himmel allmählich verdunkelt, erste Sturmböen die Bäume biegen und sich ein leichter Druck auf die Schläfen legt. Ein dräuendes Unbehagen plagt derzeit die Wirtschaftselite. Viele haben das unbestimmte Gefühl, dass etwas dramatisch schiefläuft im globalisierten Turbokapitalismus.

"Wir müssen die Sorgen und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ernst nehmen", sagt zum Beispiel Heinrich Weiss, Patriarch des Anlagenbaukonzerns SMS. Anfang der 90er Jahre war er mal Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, trommelte für freie Märkte und Wettbewerb, legte sich tapfer mit den Sozialkonservativen in der Union um Helmut Kohl und Norbert Blüm an. Inzwischen sorgt er sich um die Zukunft Deutschlands als marktwirtschaftliche Demokratie: "Wenn in einigen Konzernen die Aufsichtsräte bei der Vorstandsvergütung nicht total versagt hätten, dann hätten wir die Linken jetzt nicht in den Landtagen sitzen."

Oder Dieter Heuskel, Senior Partner und Chairman der Boston Consulting Group (BCG). Eine Firma, sagt Heuskel, sei doch "nicht nur ein Ort, an dem Mehrwert erzeugt und Geld verdient wird. Für viele Menschen war - und ist - das Unternehmen immer auch ein Stück Heimat, ein Teil ihrer Identität". Das unterschätzten viele Firmen.

Im Übrigen seien Unternehmen auch auf die regionalen und lokalen Rahmenbedingungen angewiesen. Dieses Umfeld müssten sie pflegen: "Wenn das Management internationaler Konzerne sich vom Rest der Gesellschaft mehr und mehr abkoppelt, wird die Politik gezwungen zu reagieren."

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Oder in Davos beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum. Da forderte Bill Gates einen neuen "kreativen Kapitalismus", der sich nicht nur am Profit orientiere. Einen Tag später huschte ein beeindruckter Hubert Burda über die Konferenzflure und fing Stimmungen - auch bei Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann - ein. Anschließend ließ der Verleger verlauten, dass die "elder businessmen" die Schattenseiten des modernen Superkapitalismus erkennten.

Leise Systemkritik aus den Chefetagen - das ist neu.

Es sind bleischwere Fragen, die sich die Nachdenklicheren in Wirtschaft und Politik stellen: Läuft der finanzmarktgetriebene globale Superkapitalismus Gefahr, sich selbst zugrunde zu richten? Zerstört die Globalisierung der Wirtschaft, so wie sie sich derzeit vollzieht, am Ende die Demokratie? Und wenn ja: Können wir überhaupt etwas dagegen tun? Oder machen uns die neuen dynamischen Diktaturen - von China bis Russland - am Ende platt?

Ausgerechnet in einer Phase, in der sich der längste und breiteste Aufschwung seit vier Jahrzehnten entfaltete, einer Phase, in der sich Hunderte Millionen Menschen weltweit aus Armut und Hunger befreien konnten, ausgerechnet jetzt passiert etwas Unerhörtes: Die Bürger stellen die Systemfrage.

Überall im Westen, in den USA genauso wie in Europa, haben immer mehr Menschen das Gefühl, der globale Kapitalismus schade ihnen mehr, als dass er ihnen nütze.

© manager magazin 3/2008
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