Montag, 17. Dezember 2018

Bayer-Chef Wenning Revolutionär mit Bodenhaftung

Vorbildhafte Führung, kalkulierte Karriere: Vorstandschef Werner Wenning hat das Comeback des Bayer-Konzerns genauso strategisch geplant wie seinen persönlichen Aufstieg. Man kann eine Menge von ihm lernen.

Grob gesagt, ist die Zukunft aus Plastik. Die Leute von Bayer Material Science haben sie unter grellgrünen Leuchtkästen aufgebaut. Ein quietschgelbes Kunststoffauto, eine Flugdrohne, die nicht viel mehr wiegt als eine Tafel Schokolade.

Es geht um Gewichtsreduktion und Sichteffekte, hier auf der Düsseldorfer "K"-Messe, wo sich alle drei Jahre das Kunststoff- und Kautschuk-Universum versammelt. Um leichter, innovativer, schicker. Und weil das so gut passt zu der Art, wie "new Bayer" gesehen werden will, bleibt Bayer-Chef Werner Wenning (61) gern ein paar Minuten länger, obwohl seine Termine so dicht gepackt sind wie eine extrem feste Polykarbonatverbindung.

Besonders angetan haben es ihm die viskoelastischen Schäume. Ihr an sich weiches Polyurethan verhärtet sich blitzschnell bei plötzlichem Druck: "Ideal für Schienbeinschoner", sagt Wenning, dessen Wesen dem Polyurethan im Übrigen verblüffend ähnlich ist: verbindlich und umgänglich im Normalzustand. Aber robust und unbeirrbar, wenn es hart auf hart kommt.

Charakterzüge, mit denen Wenning in bislang gut fünf Jahren als Vorstandsvorsitzender den Konzern zu einem furiosen Comeback führte. Ausgerechnet er, der mit 19 als Kaufmannslehrling begann und mehr als 40 Jahre hier verbrachte, krempelte Bayer so radikal um wie keiner seiner Vorgänger. Strich Tausende Stellen, drehte dem Firmenschwimmbad den Hahn ab, legte mit der Ausgliederung der Chemiesparte die Axt an Wurzel und Identität des Konzerns.

Als Wenning im April 2002 antrat, steckte Bayer Börsen-Chart zeigen in einer tiefen Krise, noch ein Jahr später war die Aktie zeitweise nur zehn Euro wert, der Konzern ein Übernahmekandidat. Heute hat das Unternehmen eine klare Ausrichtung, heute steht die Aktie bei rund 55 Euro. "Er hat es geschafft, Bayer strategisch wieder auf Erfolgskurs zu bringen", sagt Georg Thoma, Deutschland-Chef der Kanzlei Shearman & Sterling. Thoma und sechs weitere Mitglieder einer hochkarätigen Jury haben Werner Wenning deshalb zum "Manager des Jahres 2007" gewählt.

Das Erste, was jeder, der ihn länger kennt, über ihn sagt, ist: authentisch. Und bodenständig. Der 1,90-Mann, der auf die Frage, was er sich für fünf Euro kaufen würde, "eine leckere Bratwurst und ein Pils vom Fass" antwortet, ist einer der wenigen Vorstandschefs ohne Studium und glänzt in Managementkursen durch Abwesenheit. Wenning ist kein Smarttalker mit MBA und drei Jahren Beratungserfahrung; er muss nicht so tun als ob, weil er weiß, worauf es ankommt.

Würde seine Karriere verfilmt, wäre es die Tellerwäscher-Millionär-Story, gedreht im Glamour-Antonym Leverkusen mit Unterstützung der NRW-Filmförderung. Er mag Worte wie "solide" und "Vertrauen", entscheidet gern im Konsens und versucht, "Menschen fair zu behandeln". Es sind traditionelle Werte und Prinzipien, mit denen er das Change-Management meistert, Veränderungen durchsetzt und gleichzeitig Kontinuität wahrt. Man kann eine Menge von Werner Wenning lernen.

© manager magazin 12/2007
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