Sonntag, 20. Januar 2019

Bayer-Chef Wenning Revolutionär mit Bodenhaftung

2. Teil: Wissen ist Macht

I. Wissen ist Macht

Wie alle großen Menschen macht Wenning sich klein, wenn er tut, was eine seiner größten Stärken ist: zuhören. Das dauert jedoch wie hier auf der "K" nur wenige Sekunden, dann kommen die berüchtigten W-Fragen. W wie Wenning. "Wie viele Tonnen verkaufen Sie dieses Jahr? Lässt sich das in Sheffield produzieren?"

"Kristallklare Entscheidung": Bayer-Chef Wenning
[M] DPA; mm.de
"Kristallklare Entscheidung": Bayer-Chef Wenning
Hier fragt kein faktenferner Vorstand, sondern einer, der selbst mal Vertriebschef der Kunststoffsparte war, der seinen Konzern so aus dem Effeff kennt, dass auch Fachleute ins Schwimmen kommen. Dann wird Wenning leicht ungeduldig, sagt schnell "Jajaja" und ist mit den wasserblauen Augen schon wieder woanders.

Ob Vorstandssitzung oder 30-Sekünder fürs Firmenfernsehen: "Ich hasse es, schlecht vorbereitet zu sein", sagt der Bayer-Chef. Er ist ein Faktenjunkie, Akten liest er nicht quer, sondern komplett, schon als Teenager war er ernsthafter, zielstrebiger als die Kameraden, vertiefte sich statt in Karl May ins "Handelsblatt". Vorstandskollege Richard Pott sagt: "Inhaltlich ist er so tief in den Themen drin wie wenige; auf jede Aufgabe bereitet er sich sehr gründlich vor und ist voll konzentriert."

Trotz stattlicher Erscheinung ist Wenning, der in allen seinen Positionen das Büro abends meist als Letzter verließ, kein Mann der großen Bugwelle. Er führt mit Inhalten statt mit Hierarchien; nicht der große Auftritt ist seine Stärke, sondern solide Arbeit. "Er ist analytisch brillant, denkt sehr strategisch, erfasst schnell die Tragweite von Entscheidungen auf allen Ebenen", sagt ein Vertrauter. Dass er seine Karriere großenteils im kaufmännischen Bereich absolvierte, kommt seiner Begabung zur Abstraktion, zur Besonnenheit entgegen und beschert ihm geistige Freiheit gegenüber den Teilbereichen - obwohl deren Chefs manchmal das Gefühl beschleicht, er kenne sich dort besser aus als sie selbst.

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In Wennings Kosmos herrscht nüchterne, zuweilen brutale Sachlichkeit. Er lässt seinen Leuten lange Leine, aber er fordert viel. Wer mit ihm auf Augenhöhe diskutieren will, muss sich reinknien. Es zählen: Kompetenz, Performance. Stimmen die nicht, kann der ehemalige Messdiener, der viel von christlichen Werten hält, sehr unsentimental werden. Seine Stimme wird dann ganz leise vor Ärger.

Überraschend viele Vorstände hat Wenning bereits ausgetauscht, etwa Werner Spinner, Frank Morich, Gottfried Zaby. Was nicht zählt: Befindlichkeiten, Seilschaften. Arthur Higgins etwa, Chef von Bayer Schering Pharma, erst 2004 vom Biotech-Konzern Enzon geholt, war lange in den USA, wo Pharmatrends entstehen: ausgewählt nach Kompetenz, nicht nach Netzwerkkalkül.

Jeder soll auf seinem Platz das Beste geben. So wie der Messe-Wachmann, der, als Wenning fasziniert die glänzende Karosserie des legendären Bayer-Kunststoffautos von 1967 streichelt, brüllt: "Nicht anfassen!" Der Topmanager zuckt zurück, der Tross erstarrt im Angesicht des Fauxpas, dann geht der Daumen hoch in Richtung Ordnungshüter: "Sie machen einen tollen Job!"

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