Donnerstag, 15. November 2018

Agnelli-Familie Jaki der Ernste

Als John Elkann zum neuen Herrscher der Agnellis aufstieg, lag das Fiat-Reich in Trümmern. Heute ist er 31 Jahre alt, der Familienkonzern gerettet und die Welt sein Spielfeld.

Mit faszinierender Regelmäßigkeit kanalisiert John Jacob Elkann seine Energie in die Hände. Schöne Hände. Lange Finger, schmucklos, nicht einmal den Ehering trägt er, geschweige das Familiensiegel, die Nägel picobello manikürt. Die Hände eines Zupackers? Er sitzt am langen Konferenztisch, die ganzen 1,89 Meter seines Körpers aufrecht und unbewegt. Nur von Zeit zu Zeit, sparsam und effektvoll dosiert, setzt er die Arme mit Schwung zur Landung an.

Pater familias: Mit nur 31 Jahren ist John Elkann das mächtige Clanoberhaupt der Agnellis
In solchen Momenten stellt er die Fingerkuppen senkrecht auf den Tisch, während sich sein Handballen in ein kleines Ufo verwandelt. Sein Blick kommt aus der Tiefe dunkelbrauner Augen, verbindlich und verschlossen. Ein Mann, der weiß, dass der Röntgenstrahl auf ihn gerichtet ist. Und doch scheint er auf eine ganz selbstverständliche Weise der nette Junge von nebenan zu sein, dem ab und zu lausbübischer Schelm übers Gesicht flitzt. Wären da nicht dieser Ernst und diese Gravität, als habe die Welt eine überirdische Last auf seinen Schultern deponiert.

John Elkann hat uns warten lassen. Ein Zeremoniell der Mächtigen. Oder sollten wir nur die Chance nutzen, in der städtischen Palastresidenz seiner Vorfahren, dem Elternhaus seiner Mutter noch, die modernen Kunstwerke, schwarze Monochrome und Klassiker der Arte povera, auf uns wirken zu lassen und einmal die Welt durch diese hohen Fenster zu betrachten:

Pitsch. Peng. Dong. Auf der prachtvollen Allee des Corso Matteotti fallen die reifen Kastanien. Ein Schauspiel, das die Anwohner über Jahrhunderte fasziniert beobachteten. Der Matteotti ist eine der großen Achsen im Zentrum Turins, der Hauptstadt des Piemont. Hier liegt, wie jeder weiß, die Geburtsstätte von FIAT, der "Fabbrica Italiana Automobili Torino", als deren Schöpfer die Agnellis gelten. So wurde ihr Name Legende und garniert seit einem guten Jahrhundert den Globus mit Italo-Flair wie Medici und Michelangelo, Pizza und Pasta, Sugo und Spaghetti-Familienkapitalismus.

Mit nur 31 Jahren ist John Elkann das mächtige Clanoberhaupt der Agnellis, Pater familias, King of the Show. Seine erste Tat: Er sorgte dafür, dass es Fiat Börsen-Chart zeigen überhaupt noch gibt.

Wir erinnern uns, das Unternehmen war eigentlich tot. Einst unter den ersten sechs Autobauern der Welt, ging es bis 2004 derart rapide bergab, dass kaum noch jemand an eine glückliche Fügung glauben mochte. Der Erbe der Familienehre wollte sich damit aber nicht abfinden. Noch in jener Mai-Nacht im Jahr 2004, als sein Großonkel Umberto starb, als klar war, dass die Verantwortung nun an ihn gehen würde, es war ein Donnerstag, machte er sich auf den Weg zu einem Mann, in den er alle Hoffnung setzte: zu Sergio Marchionne. Der Sohn eines nach Kanada ausgewanderten Carabiniere arbeitete damals in der Schweiz für SGS Societe Generale de Surveillance, einen Weltmarktführer für Inspektions- und technische Überprüfungsdienste: ein rigoroser Manager, frei von allen Tabus und Verbindlichkeiten, die im System Agnelli zuvor geherrscht hatten. Zugleich ein Kenner italienischer Verhältnisse.

© manager magazin 11/2007
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