Sonntag, 18. November 2018

Neidgesellschaft Die gelbe Gefahr

8. Teil: Die Leere des eigenen Seins

Ansonsten leben die meisten der reichsten Deutschen nach dem Motto: Bloß nicht auffallen, bloß keinen Neid erregen.

Oben Übergewicht - unten nichts: Frappierender als bei den Einkommen ist die Verteilung der Vermögen. Netto, also nach Abzug der Schulden, besitzen die unteren 30 Prozent gar kein Vermögen, die oberen 30 Prozent der Gesellschaft hingegen verfügen über 82 Prozent des materiellen Reichtums.
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Oben Übergewicht - unten nichts: Frappierender als bei den Einkommen ist die Verteilung der Vermögen. Netto, also nach Abzug der Schulden, besitzen die unteren 30 Prozent gar kein Vermögen, die oberen 30 Prozent der Gesellschaft hingegen verfügen über 82 Prozent des materiellen Reichtums.
Sie halten sich in der Öffentlichkeit zurück, verstecken ihre Villen hinter hohen Hecken, fahren in teuren, aber schlichten dunklen Limousinen durch die Gegend.

Es ist eine Strategie, die die Privilegierten seit alters anwenden. "Krame nicht zu glänzend deine Pracht, deinen Reichtum, deine Talente aus!", riet der Benimmmoralist Adolph Freiherr von Knigge. Nach christlicher Lehre leiden die weniger Glücklichen ohnehin unter ihrer Armut, da sollten sie nicht noch durch die Prahlerei der Reichen beschämt werden. Die Calvinisten trieben das Schlichtheitsgebot auf die Spitze.

Voraussetzung für solche Zurückhaltung ist freilich eine gewisse innere Größe: Wer über ein Selbstwertgefühl verfügt, das sich aus anderen Quellen speist als aus dem Ansehen, das er bei seinen Mitmenschen genießt, ist eher in der Lage, sich in äußerer Bescheidenheit zu üben.

Die Umfrage: Das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid hat im Auftrag von manager magazin im Sommer 2006 rund 1000 Bundesbürger nach ihrer Einstellung zu sehr großen Vermögen gefragt.
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Die Umfrage: Das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid hat im Auftrag von manager magazin im Sommer 2006 rund 1000 Bundesbürger nach ihrer Einstellung zu sehr großen Vermögen gefragt.
Dies gelinge allerdings immer weniger Menschen, erzählt Rolf Haubl. In seiner psychotherapeutischen Praxis behandelt er überwiegend Angehörige der Oberschicht. Bei seinen Patienten diagnostiziert er immer häufiger eine regelrechte Sucht nach Anerkennung.

Beneidet zu werden sei "ein Liebesersatz" in einer Gesellschaft, in der nicht finanzielle Wertmaßstäbe und enge persönliche Bindungen verloren gingen. Wer nicht mehr ist als das, was er hat, für den wird der Neid anderer Leute zum "wichtigsten Indikator des eigenen Wertes". Eine Brücke über die Leere des eigenen Seins - aber keine sonderlich tragfähige. "Wer beneidet wird, der glaubt, dass er's geschafft hat", sagt Haubl. Er darf sich dann allerdings nicht über die deutsche Neidgesellschaft beklagen.

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